Heiliger Sonntag

Eine kleine Rätselfrage: In wieviel Tagen hat Gott die Welt erschaffen? In sechs oder in sieben? Denn am siebten Tag „ruhte Gott aus von all seinen Werken, die er geschaffen und gemacht hatte.“, lesen wir im 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 2. Mit Konfis hatte ich da immer wieder heiße Diskussionen: Ob denn das Ausruhen zum Arbeiten dazu gehört? Da sind die Jugendliche sehr unterschiedlicher Meinung.

Und wie sieht es aus mit dem Gebot „Du sollst den Feiertag heiligen?“ Wir überlegen dann, wer am Sonntag arbeitet. Was ist nötig, was nicht? Polizei, Krankenhaus, Feuerwehr – die brauchen wir 24/7 – rund um die Uhr. Das ist noch unstrittig. Aber wie sieht es aus mit Tankstellen, die sich zu kleinen Supermärkten entwickelt haben? Oder mit den verkaufsoffenen Sonntagen. Und wir sehnen uns doch danach, dass endlich wieder die Restaurants, Kinos und Theater öffnen, natürlich auch am Sonntag.

Was meint „Sonntagsheiligung“ eigentlich? Was unterscheidet den Werktag vom Feiertag? Dass wir nicht arbeiten müssen, ist die Antwort, die am meisten fällt. Aber was noch? Zeit für die Familie vielleicht? Bei wenigen nur – vornehmlich Älteren – höre ich: Ohne den Kirchgang wäre der Sonntag kein Sonntag. Also: Was unterscheidet den Werktag vom Feiertag? Erst recht in dieser Pandemie-Zeit, von der auch der sonntägliche Gottesdienst massiv betroffen ist.

Meine Gedanken gehen zurück in meine Kindheit. Der Sonntag wurde schon am Samstag eingeläutet. Vormittags Straße kehren und Schuhe putzen, am Nachmittag dann einer nach dem anderen in die Badewanne. Da musste nicht mit dem Wasser gespart werden. Wir hatten schon einen Gas-Durchlauferhitzer. So gab es für jeden und jede in der Familie eine volle Wanne mit heißem Wasser. Nach dem Baden die Sportschau, das gemeinsame Abendessen und anschließend vielleicht Kulenkampff. Er wäre übrigens dieser Tage 100 Jahre alt geworden.

Am Sonntag traf sich die Familie zum Spaziergang zwischen Mittagessen und Kaffeetrinken mit Verwandten und Freunden. Der Kirchgang stand übrigens nicht auf dem Programm. Wir waren keine sonderlich religiöse Familie, oder noch nicht in dem „Kirchgang-Alter“, wie mein Neffe als Kind einmal beschrieben hat, wie es ist, wenn wir alt werden.

Ich will nicht zurück in die „gute, alte Zeit“. Die festgefügten Wochenend-Rituale hatten auch etwas Zwanghaftes. Aber ein Gespür für diesen Wechsel zwischen Arbeit und Ruhe, ein Gefühl für das Besondere und Schöne eines Feiertags lernen wir wohl nur von klein auf, in der Familie.

„Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe, von ihm kommt mir Hilfe.“ heißt es im 62. Psalm, Vers 2. Diese Geborgenheit, dieses Vertrauen, das sich hier ausspricht, kann wohl wirklich nur zuallererst in der Familie erfahren und weitergegeben werden. Und wenn es dort nicht beginnt, dann hilft kein öffentliches Lamentieren über den Verfall der Sonntagskultur.

Das Gespür für so etwas wie „Sonntagsheiligung“ können wir nur ganz elementar lernen. Ich weiß hier kein Patentrezept, wie wir das wieder neu erfahren können. Aber vielleicht müssen wir uns als Kirchengemeinde auch immer wieder kritisch prüfen, wie wir mit dem Sonntag umgehen. Erreichen unsere Gottesdienste die Menschen, die noch lange nicht im „Kirchgang-Alter“ sind – junge Familien zum Beispiel oder auch Jugendliche auch nach der Konfirmation? Unsere Familienkirche mit Bille und Fridulin ist sicher ein guter Anfang.

Ich will zumindest meine Kinder und Enkel ermutigen, ganz bewusst diesen Rhythmus zwischen Werktag und Sonntag zu erleben. Es muss kein sonntägliches Kaffeetrinken bei Oma und Opa sein, so sehr wir dies genießen würden. Es wird auch kein regelmäßiger Kirchgang werden, da bleibe ich Realist. Aber vielleicht gelingt es uns, unsere Kinder und Enkel neugierig auf den Zauber des Sonntags zu machen, wenn wir ihn selbst leben.

Ach ja, am Ende zurück zur Rätselfrage. Natürlich hat Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen. Seine Schöpfung ist erst mit dem Tag der Ruhe vollendet. Arbeit allein ist nicht alles. Der Sonntag gehört dazu. Ohne Ausruhen und Gott danken für seine Schöpfung ist die Woche nicht vollständig.

Bleiben Sie behütet!
Ihr Pfarrer Heinrich Schwarz

Mittagsgebet

Aus der Unruhe meines Lebens,
der Hektik und den Anforderungen der Arbeit,
komme ich, Gott, zu dir.
Ich danke dir für den Sonntag,
für die Festtage und für die Zeit,
in denen Leib und Seele zur Ruhe kommen.
Ich kann mein Leben nicht in die Grenzen
und das Tempo der Arbeitsstunden zwängen.
Ich brauche Zeit für eine Liebe ohne Hast und Eile,
Lass uns darin aufatmen in deinem Frieden
und neue Kraft schöpfen für den Alltag.

Amen.

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