Gottesdienste

Gottesdienst feiern – die aktuellen Regeln

Wir feiern unsere Gottesdienste mit Vorsicht und Umsicht. Dabei gelten aktuell folgende Regeln:

  • Die Abstandsregeln müssen eingehalten werden (mindestens 1,5 Meter zwischen zwei Personen bzw. Hausständen). In der Regel bleibt immer eine Bankreihe frei und eine Bank kann mit vier Personen besetzt werden.
  • Eine medizinische Mund-Nasen-Maske (OP-Maske oder FFP2) muss getragen werden. Außer zum Singen (!) darf die Maske aber am Platz abgenommen werden.
  • Wir bieten die Möglichkeit der Händedesinfektion.
  • Wir desinfizieren alle Kontaktflächen und lüften sorgfältig.

Eine vorherige Anmeldung, die Erfassung der Kontaktdaten oder ein Corona-Test sind aktuell nicht nötig.

Für einzelne Gottesdienste, bei denen die Abstandsregeln nicht eingehalten werden können, sind ggf. strengere Regeln gültig. Bitte beachten Sie die Informationen, die wir dann in den jeweiligen Gottesdiensten veröffentlichen.

Aktuelle Informationen finden Sie auch auf der Webseite unserer Landeskirche. Gerne stehen wir natürlich für Fragen zur Verfügung.

Gedanken zum Sonntag

Vertrauen

17. September 2021 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

„Vertrauen ist der Anfang von allem.“ war mal ein Werbeslogan einer Bank. Mit Vertrauen wird der Mensch geboren. Aber es wird uns nicht leicht gemacht, das Vertrauen zu bewahren. Immer wieder höre ich verbitterte Stimmen: „Einmal habe ich dem vertraut und bin dabei hereingefallen. Nie wieder passiert mir das!“ Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser! Vertrauen kann ausgenutzt und missbraucht werden. Übertriebene Hoffnung führt zu Enttäuschung. So wird aus Vertrauen Misstrauen.

Trotzdem ist Vertrauen überlebensnotwendig. Unsere Welt ist kompliziert. Wir können nicht alles wissen und durchschauen. Impfen ist ein gutes Beispiel dafür. Nutzen und Nebenwirkungen müssen erforscht und bewertet werden. Dafür gibt es Fachleute, wie die Ständige Impfkommision, die uns wissenschaftlich fundierte Empfehlungen gibt. Doch entscheiden müssen wir selbst. Dazu braucht es Vertrauen.

Ich weiß, in schwierigen Zeiten kann das schon mal abhandenkommen, trotzdem bleibt es wichtig. Auch der Glaube muss dies immer neu durchbuchstabieren. „Werft euer Vertrauen nicht weg“, so steht es im Hebräerbrief, Kapitel 10, Vers 35. Dieser Brief ist an Christinnen und Christen gerichtet, die Schweres hinter sich hatten. Sie mussten bitter erfahren, wozu Menschen fähig sind, wenn ihnen eine Überzeugung oder ein Glaube nicht passt. Umso erstaunlicher finde ich diesen Rat. „Werft euer Vertrauen nicht weg.“ Gutgläubigkeit ist nichts, was man verfolgten und ausgegrenzten Menschen empfehlen muss. Wer durch die harte Schule des Leidens gegangen ist, reagiert empfindlich auf gut gemeinte Ratschläge.

Trotzdem wirbt der Hebräerbrief um Vertrauen, auch in schweren Zeiten. Wer sich auf Gott verlässt, ist nie verlassen. Vertrauen aber braucht einen langen Atem. Auch dies zeigt sich schon mit der Geburt. Nicht immer und sofort können Eltern helfen, wenn ein Baby schreit. Blähungen oder Zahnweh lassen sich nicht wegstreicheln. Aber es hilft zu spüren, dass Mama und Papa da sind, auch wenn sie den Schmerz nicht wegnehmen können. Am Ende geht der Schmerz, die Liebe der Eltern bleibt.

Die Liebe bleibt. Das ist die Erfahrung des Glaubens. In der Liebe ist Gott uns nah – nicht als ein großer Macher oder Strippenzieher. Er stellt auch keine Weichen wie ein Bahnwärter. Im Kleinen, im Schwachen, im Liebebedürftigen erfahren wir Gott. Das ist die Erfahrung, die die Bibel uns weitergibt. Gott ist da, wo wir Liebe spüren. Wo wir mit unseren Stärken – aber eben auch den Schwächen – angenommen sind und nicht ausgelacht und ausgenommen werden. Wo Vertrauen wächst, da wächst Gott in uns.

Bleiben Sie behütet!
Ihr Pfarrer Heinrich Schwarz

Mittagsgebet

Gott, wenn du bei uns einziehst, verwandelt sich unsere Welt.
Wenn wir Angst haben, rühr uns an mit deiner Liebe.
Wenn Enttäuschungen uns niederdrücken, richte die Hoffnung auf.
Wenn Zweifel uns lähmt, lass Vertrauen wachsen.

„Es bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“
1. Korinther 13,13

Glaubensbekenntnis

11. September 2021 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

Liebe Leserin, lieber Leser,

es lauern außerhalb, aber auch innerhalb einer Partei immer auch solche, die nur auf einen Fehler warten, um ihn zu skandalisieren. Das Vervielfältigungspotential digitaler Medien ist gigantisch.

Der Widersacher – wenn auch kein Löwe, so doch ein böses Tier – hat viele Köpfe und noch mehr Zungen, die einen Shitstorm über dich bringen können. Da braucht es Menschen mit einer klaren Haltung. Nicht taktieren, um zu gefallen. Kein Opportunismus, um die Starken auf seine Seite zu haben. Das ist nicht leicht, aber letztlich überzeugend. Denn man spürt es, ob einer um seiner selbst willen Politik macht, oder weil sein Herz brennt für das Wohlergehen der Vielen. Man spürt es, ob einer mit einer Grundgelassenheit an den Start geht. Einer, der sich lassen kann und sich verlassen kann auf den Gott, der allem Leben Würde und Ehre gibt. Ja, Christenmenschen sollten auch Politik machen, gerade in dieser Zeit, da das relative Gut freiheitlicher Demokratie erodiert. Es braucht in unseren Breiten niemand Verfolgung fürchten wegen seines Glaubens. Umso wichtiger ist es, dass Menschen sich öffentlich bekennen. Nicht pausbäckig und naiv, aber doch mit klarer Haltung und sachgemäß, getragen von einem getrösteten Christusglauben.

In der digitalen Kommunikation mit multiplen Sendern und Empfängern fallen auch die Glaubensbekenntnisse meist sehr persönlich aus. Sie sind oft überzeugender als offizielle Verlautbarungen der Kirchen, weil sie von individueller Erfahrung gesättigt sind.

Institutionenkritik ist derzeit so en vogue, dass es schon wieder einen charmanten Unterschied macht, wenn der Einzelne sich nicht nur mit seiner Privatmeinung bekennt, sondern seine Internetbotschaft so labelt, dass er auch für die Gemeinschaft der Gläubigen spricht; warum nicht auch für seine Kirchengemeinde in Rodenbach oder seine Landeskirche Kurhessen-Waldeck?

Mag sein, er wird dafür belächelt oder angefeindet, vielleicht aber auch bewundert. Im besten Fall löst aufrichtige Demut im öffentlichen Bekenntnis zumindest ein Nachdenken darüber aus, was letztlich wirklich wichtig ist. Wo Halt im Leben und Sterben zu finden ist, und Glück und Zufriedenheit, unabhängig davon, ob es mir gut geht oder nicht. Glaube und Demokratie haben eins gemeinsam: Sie lassen sich nicht mehr von oben her verordnen. Sie haben Teil an einem Selbstverständnisprozess in der Gesellschaft. Die Bedrohung in unseren Tagen geht weniger von einem brüllenden Löwen aus; eher sind es die schwarzen Löcher von Ignoranz und Gleichgültigkeit, die zur Bedrohung werden. Es ist ein gottvergessener Hochmut. Den zu widerstehen, nicht mit Aktionismus, sondern mit Gelassenheit und Haltung.

Es grüßt Sie herzlichst
Ihr Bernd Schminke
Prädikant und Vorsitzender des Kirchenvorstandes

Mittagsgebet

Ich glaube an Gott, der Liebe ist,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Ich glaube an Jesus,
sein menschgewordenes Wort,
den Messias der Bedrängten und
Unterdrückten,
der das Reich Gottes verkündet hat und
gekreuzigt wurde,
ausgeliefert wie wir der Macht des Todes,
aber am dritten Tag auferstanden,
um weiterzuwirken für unsere Befreiung,
bis dass Gott alles in allem sein wird.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
der uns zu Mitstreitern des Auferstandenen
macht,
zu Brüdern und Schwestern derer,
die für Gerechtigkeit kämpfen und leiden.
Ich glaube an die Gemeinschaft der weltweiten
Kirche,
an die Vergebung der Sünden,
an den Frieden auf Erden,
für den zu arbeiten Sinn hat,
und an eine Erfüllung des Lebens
über unser Leben hinaus.

Amen.

(Kurt Marti)

Glücksmomente

3. September 2021 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

Was haben Sie heute Schönes erlebt? Ich schreibe seit einer Weile ein „Positiv-Tagebuch“. Ich notiere am Abend kurz die schönen Momente des Tages, für die ich dankbar sein will. Vorletzte Woche haben meine Frau und ich unsere Enkel besucht, die leider weit weg wohnen. Da war das „Positiv-Tagebuch“ schnell gefüllt. Aber es gibt auch Abende, an denen ich grübele, was denn gerade an diesem Tag schönwar – so stressig oder mühsam wie er war? Manchmal trage ich dann nur winzige Momente ein: ein kurzes Gespräch beim Einkaufen, das mit einem Lächeln endet, das die Maske überstrahlt. Oder der tägliche Kuss zum Frühstück. Kleinigkeiten nur, die ich vielleicht sonst vergessen hätte. Kostbare Kleinigkeiten. Das Schöne, für das ich dankbar sein will, muss nicht überwältigend groß sein.

„Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Das Bibelwort zum kommenden Sonntag aus dem 103. Psalm lädt ein zur Dankbarkeit und zum Loben. Dabei weiß der Psalmbeter genau, wie vergänglich und klein unser Leben mit all den Sorgen und Gebrechen sein kann. „Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.“ heißt es in den Versen 15 und 16 nüchtern und realistisch. Und dennoch lädt der Psalmbeter zur Dankbarkeit für all das Gute ein, das uns geschenkt wird. Wer dankbar auf sein Leben blickt, lebt glücklicher.

Diese Erfahrung konnte auch ein Mensch machen, von dem die folgende Geschichte erzählt: Da war ein Mensch, der furchtbar unzufrieden war mit seinem Leben. Was muss ich tun, um glücklich zu werden, fragte er einen Menschen, der als weise galt. Der riet ihm, eine Handvoll Kieselsteine in die rechte Jackentasche zu stecken und in jedem schönen und glücklichen Moment einen Stein von rechts nach links wandern zu lassen. Waren es zu Beginn selten mehr als zwei Steine, fanden mit der Zeit mehr und mehr Steine ihren Weg in die linke Tasche. Abends zählte der Mensch seine Steine, dachte an die schönen Momente und freute sich daran. Bis er eines Tages zu seiner Ratgeberin kam und sagte: „Ich bin ein glücklicher Mensch.“

Es gibt so viele kleine Kiesel, die ich von der rechte in die linke Jackentasche wandern lassen kann. Nicht nur die kleinen oder großen Glücksmomente des eigenen Lebens. Auch in unserer Kirche können wir dankbar sein. Wie schön war es für mich vor drei Wochen im Kirchgarten Familienkirche mit den Kindern und Familien zu feiern. Und auch mit den Älteren, die einfach so da waren und sich mit den Kleinen freuen konnten. Am kommenden Sonntag feiern wir wieder Konfirmation. Junge Leute finden mit Gottes Segen ihren Weg ins Erwachsenwerden. Grund genug dankbar zu sein. Und in 14 Tagen rücken wir wieder einmal unsere Syer-Orgel, dieses Kleinod der Orgelbaukunst, in den Mittelpunkt. Auch Musik kann glücklich machen und Gott loben. Und wenn Sie heute Abend zu Bett gehen – vielleicht überlegen Sie einmal: Wo war mein kleiner Glücksmoment heute?

Bleiben Sie behütet!
Ihr Pfarrer Heinrich Schwarz

Mittagsgebet

Lobe den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Der dir alle deine Sünde vergibt
und heilet alle deine Gebrechen,
der dein Leben vom Verderben erlöst,
der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,
der deinen Mund fröhlich macht
und du wieder jung wirst wie ein Adler.

Barmherzig und gnädig ist der HERR,
geduldig und von großer Güte.
Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind;
er gedenkt daran, dass wir Staub sind.
Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras,
er blüht wie eine Blume auf dem Felde;
wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da,
und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.
Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit
Lobet den HERRN, alle seine Werke,
Lobe den HERRN, meine Seele!

aus Psalm 103

Kinder gehören in die Mitte

27. August 2021 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

Streit liegt in der Luft. Wer hat am meisten zu sagen? Wer kann die größten Verdienste für sich in Anspruch nehmen? Wer findet bei Gott die größte Anerkennung? Die Jünger Jesu raufen sich. Sie gehen zu Jesus und erwarten von ihm Klärung. Doch dieser reagiert – wieder einmal – ganz anders als sie es erwartet hatten. Jesus fordert seine Anhänger nämlich auf, allesamt das eigene Verhalten zu überdenken. „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder“, sagt er, „so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Matthäus-Evangelium Kapitel 18, Vers 3)

An diese Passage aus dem Matthäus-Evangelium musste ich denken, als ich vor einigen Wochen die Viertklässler und -klässlerinnen der Adolf-Reichwein-Schule in der Kirche empfangen durfte. Im Rahmen des Heimatkundeunterrichts wollten sie die Evangelische Kirche in der Mitte des Alten Dorfes einmal von innen kennenlernen.

Mit wieviel Aufgeschlossenheit, Neugier und Interesse mir die Schülerinnen und Schüler begegnet sind, hat mich begeistert! Bis ins kleinste Detail nahmen sie den Kirchenraum wahr, stellten Fragen über Fragen und hörten aufmerksam den Antworten zu. Was bedeutet der Bibelspruch über der Kanzel? Wieso ist im Kirchenfenster ein Mann mit Engelsflügeln zu sehen? Wie geht eine Taufe und wo stehen die Brautpaare bei der Trauung? Ohne Weiteres hätte bei jeder der vier Gruppen ein ganzer Vormittag mit Fragen gefüllt werden können…

,Ohja Jesus‘, denke ich, als ich mit dem Fahrrad nach Hause fahre, ‚wie erfrischend Kinder doch für unser Leben sind!‘ Und ich frage mich, wie es wäre, wenn die Kirche jeden Sonntagvormittag von solch Freude und Begeisterung erfüllt wäre.

Zu werden wie die Kinder und dadurch Gott näher zu kommen, dafür braucht es zuallererst unseren wertschätzenden Blick auf die Kleinsten der Gesellschaft. Aufrichtigkeit, Lebensfreude, Offenheit, Vertrauen, Zuversicht – es gibt so vieles, worin Kinder uns Erwachsenen zum Vorbild werden können!

Vor diesem Hintergrund freue ich mich besonders, dass der Kirchenvorstand im Juni beschlossen hat, ab dem kommenden Jahr die gottesdienstlichen Angebote für junge Familien auszuweiten.

Um die streitenden Jünger zu beschwichtigen, stellt Jesus ein Kind in ihre Mitte. An diesem Kind sollen sich die Jünger ein Vorbild nehmen. Seiner Aufforderung zur Umkehr fügt Jesus schließlich hinzu: „Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“ Ja, Kinder gehören in die Mitte – in die Mitte unseres Zusammenlebens und in die Mitte unseres Glaubens. Um Jesu Christi Willen. 

Herzlich grüßt Sie
Ihre Pfarrerin Lisa Henningsen

Mittagsgebet

Teilt das Brot mit andern,
es schmeckt nur gebrochen gut.
Teilt das Brot mit andern,
geteiltes Brot macht vielen Mut.

Teilt das Leid mit andern,
es ist doch eurer Brüder Not.
Teilt das Leid mit andern,
die Liebe ist des Herrn Gebot!

(aus Tansania)

Das geknickte Rohr wird er nicht brechen

21. August 2021 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Stadt-Sommer-Kassel“ – Dieses Jahr findet er wieder statt.

Ein junger Mann, wohl Mitte/Ende 20, schleicht auf dem Friedrichsplatz zwischen den kulturbegeisterten Gästen in ihren Liegenstühlen auf und ab. Hin und wieder taucht er wie ein Geist in ihrem Gesichtsfeld Richtung Open-Air-Bühne auf. Den Blick gesenkt. Kopf und Schultern hängen schlaff herunter. „Wie ein geprügelter Hund!“, schießt es mir durch den Kopf.

Während der junge Mann um meine Pfandflasche bittet, bleibt er den Regeln konform auf Abstand. Die Szene wirkt grotesk. Ich werde an die Verbeugung eines Dieners erinnert, als er versucht, auf Distanz hin nach meiner Pfandflasche zu greifen, die ich ihm reiche. „Da steht einer derzeit nicht auf der Sonnenseite des Lebens“, denke ich.

Manchmal begegnen wir Menschen, denen wir auf den ersten Blick ansehen, wie geknickt sie sind. Ihre Augen matt. Die Haare wirr. Der Gang schlurfend und schleppend. Sie passen nicht so recht in ihre Umgebung. Stören das schöne Ambiente und das Gefühl einer zauberhaften Sommernacht ohne Sorgen und ohne jeden Makel. Inmitten der bunten Bühnenlichter fehlt ihnen so ganz und gar das Leuchtende, das Lebendige, das Hoffnungsfrohe. Wo eine Flamme lodern und ein Licht in ihren Augen funkeln sollte, da erinnert ihr gesamtes Auftreten an nicht mehr als an ein mattes Glimmen, ein schattenhaftes Dasein.

Gewohnheitsmäßig werden wir bei solchen Begegnungen nun die Kategorien „Depression“ oder „Alkoholismus“, „Drogenabhängigkeit“ oder „Obdachlosigkeit“ aus dem Hut ziehen. Mit diesen Kategorien fällt es uns dann leichter, uns nicht zuständig fühlen zu müssen. Denn in solchen Fällen läuft nachhaltige Hilfe tatsächlich zumeist ausschließlich über professionell ausgebildete Helferinnen und Helfer.

Doch befreien wir uns einmal von unserem perfektionistischen Helfersyndrom und hören unserem Gegenüber einige Minuten lang zu, einfach so – einfühlsam, ohne Änderungswünsche oder Veränderungsdruck –, dann hören wir zuweilen Geschichten. Geschichten, die Spuren hinterlassen haben in den Augen, in der Haltung, in dem Gesundheitszustand meines Gegenübers. Etwas ist aus der Balance geraten. Leib und Seele finden keinen Gleichklang mehr. Etwas ist geronnen. Erstarrt. Im schlimmeren Fall sogar zerbrochen.

Manchmal erzählen uns Menschen dann von ihren Träumen. Von quälenden Wiederholungsträumen, ins Bodenlose zu stürzen. Alpträume, zu scheitern und eine Prüfung nicht zu bestehen. Angstträume, von Wassern ergriffen und fortgerissen zu werden. Manchmal werden sie in Träumen von einem Unbekannten verfolgt. Und manchmal wittern sie hinter all diesem Gott, der sie straft, verlassen hat, vom Boden tilgen und ihr Leben auslöschen will.

Darum ist es so kostbar zu hören, was der Prophet Jesaja von Gott und seinem Bevollmächtigten zu berichten weiß: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“ (Jesaja 42,3a). Hinter den Niedermachern und Gespenstern unseres Lebens, unserer Tage und nächtlichen Alpträume, hinter den Zerstörern und Angstmachern steht nicht ein Gott, der uns zudem kleinmachen, zu Boden ringen und auslöschen will. Nein, sondern in Jesus steht Gott auf der Seite der Geknickten und der fast schon Erloschenen. Auf der Seite derer mit dem hängenden Kopf und den fallenden Schultern. Auf der Seite derer mit all den Geschichte, die das Leben ihnen in die Gesichter gegerbt und auf den Buckel aufhuckelt hat. In Jesus steht Gott auf ihrer Seite, um das Gekrümmte in ihnen aufzurichten, das Eingetrübte aufzuhellen, den Schmerz und den Hass zu überwinden, der sich immer weiter aufgestaut hat und ihnen die Luft zum Atmen nimmt.

Menschen, die Jesus begegnen, berichten von Veränderungen. „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“, so die Worte eines Mannes aus Galater 2, Vers 20, der diesen Transformationsprozess der Liebe Jesu am eigenen Leib erfahren hat.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Woche
Ihre Pfarrerin Katharina Bärenfänger

Mittagsgebet

Sehen können, was kein Auge sieht.
Hören können, was das Ohr nicht hört.
Spüren, dass da etwas ist –
noch nicht da, doch schon nah.

Herr, erbarme dich!

Träumen können, mehr als einen Traum.
Glauben können, was unglaublich schien.
Spüren, dass da etwas ist –
noch nicht da, doch schon nah.

Herr, erbarme dich!

Heilen können, was unheilbar galt.
Teilen können, weil’s für alle reicht.
Spüren, dass da etwas ist –
noch nicht da, doch schon nah.

Herr, erbarme dich!

Hoffen können, auch in tiefster Nacht.
Leben können, hier und jetzt und dort.
Spüren, dass da etwas ist –
noch nicht da, doch schon nah.

Herr, erbarme dich!

(Gebet nach dem Lied „Sehen können“, EG+ 3)

Leben

9. August 2021 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich habe den Eindruck, ein ganzes Leben lang sind wir auf der Suche – nach Leben. Das klingt vielleicht wie eine Binsenweisheit. Ist es aber nicht. Im Ernst: Was unternehmen wir Menschen nicht alles, um wenigstens ein bisschen was von dem zu erleben und zu verwirklichen, was uns als wirkliches Leben vorschwebt.

„Vorschwebt“ sage ich, weil wir das selten bewusst planen und steuern. Eher ist es so, dass da etwas uns antreibt und beflügelt.

Wir wissen gar nicht so genau, was und warum, aber wissen: Ja, das will ich! – Wir stürzen uns in Arbeit und rackern. Schaffen bis zur Erschöpfung – in der Hoffnung, dass wir dann für andere wichtig sind, anerkannt, geachtet.

Oder wir fühlen uns ständig bevormundet und kämpfen um unsere Freiheit (oder das, was wir dafür halten), mitunter ohne Rücksicht auf Verlust – einfach um zu spüren, dass wir es sind, die ihr Leben meistern. Wir engagieren uns, setzen uns für andere Menschen ein – als könnten wir mit uns selbst zufrieden sein, wenn wir für eine „gute Sache“ kämpfen. Oder wir stolpern von einer Beziehung in die nächste – immer in der Hoffnung, dass wir diesmal mehr Glück und mehr vom Leben haben.

Nein, ich kann und will diesen Lebenshunger in keiner Weise madig machen. Gäbe es ihn nicht, würde uns die Sehnsucht nach dem, was wir nicht haben, nicht immer wieder antreiben und in Bewegung halten – wir hätten wahrscheinlich schon längst mit dem Leben abgeschlossen, womöglich sogar Schluss gemacht.

Nein, ich möchte nicht jene Zufriedenheit empfehlen, die keine Wünsche mehr hat und sich mit allem abfindet, was nun mal so ist, wie es ist. Ich glaube, wir wären keine lebendigen Menschen, gäbe es nicht, was uns immer wieder von neuem nach dem Lebensglück suchen lässt.

Diese Unruhe unseres Herzens gehört wohl einfach zum Leben.

Die Frage ist nur: Ist das, was wir suchen, auch das was wir eigentlich wollen? Und: Wann und wo finden wir, was wir wirklich suchen?

Die große Sehnsucht nach Liebe zum Beispiel kann auch immer wieder in Enttäuschung enden. Was muss geschehen, damit wir uns selbst begreifen, damit wir verstehen, was wir suchen und finden, wonach wir uns sehnen? Ja, wie finden wir, was wir suchen?

Und zuletzt: Bei wem sind auch unsere Enttäuschungen und Niederlagen aufgehoben, so dass sie uns nicht mehr an unserem Ja zum Leben hindern?

Ich glaube fest, dass wir in Jesus den Gott finden, der unser ganzes Leben liebt, nicht nur unsere Glücksmomente und Sonnenseiten, nicht nur im Urlaub, sondern jeden Tag.

Mehr noch: Durch ihn und mit seiner Hilfe können wir die Menschen werden, die wir immer schon sein wollten: Eine Quelle, aus der andere Mut und Lebenskraft schöpfen. Ein Segen.

Es grüßt Sie auf das Herzlichste
Ihr Bernd Schminke
Prädikant und Vorsitzender des Kirchenvorstandes

Mittagsgebet

Mein Gott,

Grund, der mich trägt,

ewige Gegenwart,

du hörst mich.

Du siehst, wie ich heute bin:

Gelassen oder getrieben, bedrückt oder glücklich.

Dir vertraue ich mich an.

Was mich belastet, klage ich dir,

was mir das Leben schwer macht, lege ich bei dir ab.

Du führst mich hinaus ins Weite.

Auf dich hoffe ich in Zeit und Ewigkeit.

Amen.

Notfallseelsorger

30. Juli 2021 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

Zuhören, trösten, stärken: Pfarrer Thorsten Latzel, Präses der Evangelischen Kirche in Rheinland, der bei uns in Rodenbach Vikar war, berichtet von seinen Besuchen bei Betroffenen und Helfern/-innen in den überschwemmten Gemeinden.

Viele Orten, die von der Überschwemmung zerstört worden sind, habe ich bei der Sommertour der Hoffnung besucht. Jetzt fahren wir zu den Menschen, um zuzuhören, zu trösten, zu stärken. Gemeinsam mit den Notfallseelsorgern/-innen und den Pfarrern/-innen haben wir in Euskirchen Dom Esch Einsatzkräfte besucht, in Schweinheim Menschen begleitet, die in ihre Häuser zurückkehren, in Meinerzheim/Swisttal eine Andacht mit der Ortspfarrerin für Helfer/-innen gehalten und mit Menschen vor Ort gesprochen.

Die Verwüstungen sind einfach schrecklich. Menschen sind umgekommen, verletzt worden, haben zum Teil alles verloren. Leben, das von jetzt auf gleich zerstört wurde. Ein Mann erzählte mir, dass sein über siebzig Jahre alter Vater sich auf einen Baum retten konnte und über 12 Stunden dort warten musste, während er unten mit ansehen musste, wie eine junge Frau in den Schlammmassen einfach weggespült wurde und darin umkam. Wir haben Menschen gesehen, die nach Tagen erstmals zurück in ihre Häuser konnten. Zu Fuß, voller Ungewissheit, was sie erwartet. Sie konnten oft nur schauen, die verderblichen Lebensmittel wegwerfen und mussten danach den Ort wieder verlassen. Manche Häuser war komplett unzugänglich und vom Einsturz bedroht.

Die Einsatzkräfte haben oft bis zum Umfallen gearbeitet. Schwierig wird es, wenn sie aufhören zu „funktionieren“ und in den Pausen auf einmal die Gefühle wach werden und das, was sie gesehen haben, in ihnen hochkommt. Tief beeindruckt haben mich junge Menschen, die in Euskirchen Dom Esch ein eigenes Notfall-Lager aufgebaut und seit Tagen betrieben haben – für mehrere hundert Menschen. Wobei man nicht so genau sagen kann, wie viele es waren, weil viele auch in ihren Autos geschlafen haben.

Mir ist es wichtig, dass wir als Kirche jetzt bei den Betroffenen sind. Und bei denen, die ihnen helfen: in den Ortsgemeinden, mit der Notfall-Seelsorge, mit Diakonie, mit vielen Freiwilligen, die einfach mit anpacken. Manchmal lese ich jetzt im Netz irgendwelche geschichtstheologischen Spekulationen über das Gericht Gottes im Allgemeinen und biblische Unheilspropheten im Besonderen. Für mich ist das anämische Schreibtisch-Theologie, die mit dem, was die Menschen dort aktuell erleben, herzlich wenig zu tun hat. Hier geht es um tiefes, unmittelbares Leiden. Um existentielle Not.

Für mich ist Christus tief im Schlamm bei den Bedrängten – als mitleidender Gott, als jemand der kosmischen Unheilsmächten wehrt, der Menschen in der Hilfe ihrer oft fremden Mitmenschen begegnet.  Mit einem harmlosen, nur lieben Gott hat das überhaupt nichts zu tun. Aber mit der tiefen Überzeugung, dass dies nicht die Stunde wohlfeiler Abstraktionen, sondern existentieller Anteilnahme ist.

Mittagsgebet

Gebet für die von den Fluten getroffenen Menschen

Wasser ist Leben.
Aber Wasser kann auch Leben zerstören.
Bedrückende Bilder legen derzeit Zeugnis davon ab.
Menschen verlieren ihre Häuser.
Menschen verlieren den Boden unter den Füßen.
Menschen verlieren ihr Leben.
Wir fühlen mit den Menschen in den Hochwassergebieten.
Wir beten für alle, die Angst haben
und nicht wissen, wie es weitergeht.

Wir trauern mit allen, die jemanden verloren haben, den sie lieben.
Gott stehe denen bei, denen das Wasser gerade bis zum Hals steht.
Seine Kraft sei mit denen, die retten und helfen und begleiten.
Sein Geist stifte Gemeinschaft, die trägt und hält, wo alles zusammenbricht.
Die Not ist groß.
Lasst uns zusammenstehen
und füreinander da sein.
So gut wir das vermögen.
Amen.

https://ekir.de

Streit und Versöhnung

19. Juni 2021 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

Nachbarn, die seit Jahren nicht mehr miteinander reden; Geschwister, die einander ständig die alten Geschichten vorhalten; Eheleute, die sich gegenseitig zu Sündenböcken für alles Misslungene machen… Wie schwer ist es, eine Tür, die im Zorn zugeschmissen wurde, wieder zu öffnen. Die Tür ist zu, ich sitze dahinter und habe natürlich Recht, aber ich bleibe allein. Vom Rechthaben kann man nicht leben, und das Rechthaben schließt die zugeschlagene Tür nicht wieder auf. So alltäglich die Situation, so schwer ist der Ausweg.

Selbst Jesus hatte Zoff mit seiner Familie, die ihn für verrückt erklärte, weil er sich so wenig an das hielt, was als normal und wohlanständig galt. Die Bibel blendet solchen Streit nicht aus. Am kommenden Sonntag geht es auch um solch eine zerrüttete Familie, im 1. Buch Mose, im 50. Kapitel wird davon erzählt.

Da war Josef, der Zweitjüngste von zwölf Brüdern aus einer sehr bunt zusammengewürfelten Patchworkfamilie. Jakob, sein Vater hatte 12 Söhne und mehrere Töchter von vier Frauen. Josef war der absolute Liebling von Papa. Er bekam die ausgefallensten Klamotten und war wohl ziemlich von sich überzeugt.

Kein Wunder, dass die übrigen Brüder sauer auf ihn waren. Sie räumen Josef aus dem Weg. Der wird zum Sklaven in einem fremden Land und erfährt das, was wir heute sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz nennen. Der Unterschied: Sonst trifft es zumeist Frauen, hier mal einen Mann. Aber vielleicht war er auch gar kein richtiger Mann… aber das wäre eine andere Geschichte. Nun denn, auf jeden Fall: Er landet im Knast, aber am Ende macht er doch Karriere und wird sehr mächtig in diesem fremden Land. Vom Knacki zum Millionär.

Auf der anderen Seite steigt seine Familie in der Heimat sozial ab. Eine Hungersnot macht sie zu Wirtschaftsflüchtlingen. Und da kreuzen sich die Wege wieder. Am Ende sind die Brüder von dem abhängig, den sie damals am liebsten tot gesehen hätten. Und nun auch das noch: Der Vater Jakob, der bisher alles noch zusammengehalten hat, der das Bindeglied zwischen Josef und seinen Brüdern war, der stirbt. Kein Wunder, dass die Brüder nun Angst haben, dass jetzt alles den Bach runter geht.

Doch die Rache bleibt aus. „Aber Gott gedachte es gut zu machen“ – heißt es an entscheidender Stelle. Gott – nicht Josef. Im Namen Gottes durchbricht Josef den Teufelskreis aus Schuld und Rache. Die Bibel verschließt nicht die Augen vor der menschlichen Realität. Im Gegenteil! Aber sie spielt nicht mit, sondern stellt ein anderes Verhalten, stellt Gottes Tun dagegen: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ (1. Mose 50,20) ist der Kernsatz, der die Wendung bringt.

Daraus kann ich Hoffnung schöpfen, dass es auch bei uns Auswege aus dem Streit gibt. Auch wenn wir aus Angst hinter unseren zugeschlagenen Türen sitzen und nicht mehr wissen, wie wir aus der Bitterkeit herauskommen sollen. Es gibt einen Weg der Versöhnung. Geschwister haben die Chance, sich zu vertragen, solang die Eltern noch leben. Wenn der Erbfall eintritt, ist es meist zu spät. Nachbarn können Verständnis füreinander aufbringen und müssen nicht Gerichte bemühen, wenn es um eine Hecke geht, die zu hoch wächst oder die Polizei holen, wenn nun wieder das Grillen am lauen Sommerabend mal zu laut wird. Jede und jeder von uns kann den ersten Schritt tun, der die Wendung bringt, weil Gott uns mit seiner Liebe zur Seite steht. So gelingen Vergebung und Versöhnung, wie am Ender der Josefsgeschichte, wo es heißt: „Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“

Bleiben Sie behütet!
Ihr Pfarrer Heinrich Schwarz

Mittagsgebet

Schnell empören wir uns über andere,
schnell sind wir fertig mit unseren Urteilen.
Manchmal merken wir,
dass unser Urteil uns selbst trifft.
Du, Gott, bahnt neue Wege an
mit Menschen, die Einsicht haben,
die vorsichtig sind in ihrem Urteil,
die Verständnis aufbringen und
mutig erste Schritte gehen aufeinander zu.
Es tut gut, das zu erleben.
Amen.

Familienkirche am 20. Juni 2021

19. Juni 2021 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Familie & Jugend, Familienkirche, Glaube & Leben, Gottesdienste

Herzliche Einladung zum Familiengottesdienst
am Sonntag, den 20.06.2021 um 10:30 Uhr
in der evangelischen Kirche in Niederrodenbach.

Orientierung

4. Juni 2021 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

Liebe Leserin, lieber Leser,
wir suchen nach Orientierung. Und je komplizierter die Zeiten und komplexer die Zusammenhänge, desto größer wird unsere Sehnsucht nach knappen Antworten, klarer Orientierung und einem freien Blick auf das Wesentliche.

Woran sollen wir uns orientieren?, fragen Eltern bei der Erziehung ihres ersten Kindes. An Konsequenz oder Nachsicht oder Einsicht?

Woran sollen wir uns orientieren? Diese Frage beschäftigt auch einen kundigen Mann, der mit Jesus ins Gespräch kommt. Auf seine Frage antwortet Jesus kurz und knapp, worum es in unserem Leben eigentlich geht: Du sollst Gott lieben und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Beide Gebote stehen schon in den fünf Büchern Mose. Sie verbinden uns mit Menschen jüdischen Glaubens. Neu ist die Kombination der beiden Gebote, die Jesus hier schafft. Und genau genommen stecken in der Antwort ja sogar drei Gebote: 1. Gott lieben, 2. meinen Nächsten lieben und 3. mich selbst lieben. Für alle drei Beziehungen gilt nach Jesus: „Du sollst lieben!“ Aber: Kann denn „lieben“ befohlen werden?

„Deus caritas est“, „Gott ist Liebe“ steht als Schriftzug in einem Kirchenfester. „Gott – ist – Liebe“. Drei Worte statt drei Gebote, die alles sagen, worum es in unserem Leben und in unserem Glauben geht. Im 1. Johannesbrief führt der Schreiber dazu aus: „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (4,16) und „Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“

Aus dem Leben des amerikanischen Erfinders Thomas Alva Edison wird folgende Geschichte erzählt: Eines Tages kam der kleine Thomas Edison von der Schule nach Hause und gab seiner Mutter eine Mitteilung seiner Lehrerin.

Er sagte ihr: „Die Lehrerin hat gesagt, dass ich nur dir diesen Brief geben darf.“

Die Augen seiner Mutter waren von Tränen erfüllt, als sie ihm den Brief laut vorlas:

„Ihr Sohn ist ein Genie. Diese Schule kann ihn nicht entsprechend fördern, da wir nicht genug gute Lehrer haben. Bitte unterrichten sie ihn ab jetzt selbst.“

Viele, viele Jahre später – seine Mutter war längst gestorben und Thomas inzwischen einer der größten Erfinder seines Jahrhunderts – kramte er in alten Familiensachen. Plötzlich sah er in der Ecke einer Schreibtischschublade einen Zettel liegen. Es war der Brief seiner ehemaligen Lehrerin und er las ihn. In dem Brief stand:

„Ihr Sohn ist geistig unterbemittelt und wir möchten ihn nicht mehr an unserer Schule unterrichten.“

Edison weinte daraufhin sehr lange und schrieb in sein Tagebuch:

„Thomas Alva Edison war ein geistig unterbemitteltes Kind und wurde durch die heroische Tat seiner Mutter zu einem der größten Genies dieses Jahrhunderts.“

Manchmal ertappen wir Gottes Liebe auf frischer Tat mitten unter uns. Gottes Liebe sucht nicht das Liebenswerte, sondern sie erschafft es. Unsere Liebe ist ein Echo auf die umfassende Liebe, die uns von Gott entgegenkommt.

Gefüllt mit Gottes Liebe, werden wir anfangen, andere zu füllen, andere barmherzig und wertschätzend in den Blick zu nehmen. Wir werden dies tun, nicht wir sollen dies tun. Wir werden das nicht deshalb tun, weil unser Herz plötzlich vor romantischen Gefühlen zu unseren Mitmenschen überströmt, das ist hier nicht gemeint. Die Liebe, von der hier die Rede ist, ist keine feurige, leidenschaftliche Zuneigung (griech. eros). Es ist auch keine freundschaftliche oder familiäre Verbundenheit (griech. filía). Sondern die Liebe, um die es hier geht, sprengt Landes- und Standesgrenzen, durchbricht Milieu-, Alters- und Interessengruppen. Sie ist gebende Liebe (griech. agápe). Es ist Liebe, die aus Achtung entspringt: aus Achtung vor Gott und aus Achtung voreinander. Sie hat etwas mit Barmherzigkeit zu tun.

Tatsächlich lässt sich Liebe ja schwer messen. Aber Barmherzigkeit ist ein guter Maßstab für unsere Liebe – Barmherzigkeit, nicht Gleichgültigkeit. Lukas schreibt in seinem Evangelium zur Frage der Nächstenliebe: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Wir werden barmherzig mit uns und unseren Mitmenschen, weil wir innerlich gestaltet werden von Gottes barmherziger Liebe. Weil der Geist von Jesus Christus in uns lebt, der aus Liebe für unsere Schuld gestorben ist – und für die Schuld unserer Mitmenschen. Der Geist Jesu, der sich aus Liebe mit meinem und Ihrem Leben identifiziert – und mit dem Leben unserer Mitmenschen. Der Geist Jesu, dessen erste Frucht in uns die Liebe ist (vgl. Galaterbrief, Kapitel 5, Vers 22).

Liebe Leserin, lieber Leser, woran orientieren wir uns? Es geht noch kürzer – zwei Worte statt drei Worte: „Jesus Christus“. In Jesus Christus sind Gott und Mensch, Gottesliebe und Menschenliebe aufs Engste miteinander verbunden. Gott ist Liebe. Wer in Jesus Christus bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Herzlich grüßt Sie
Ihre Pfarrerin Katharina Bärenfänger

Mittagsgebet

Liebe ist nicht nur ein Wort,
Liebe, das sind Worte und Taten.
Als Zeichen der Liebe bist du, Jesus, geboren,
als Zeichen der Liebe für diese Welt.

Freiheit ist nicht nur ein Wort,
Freiheit, das sind Worte und Taten.
Als Zeichen der Freiheit bist du, Jesus, gestorben,
als Zeichen der Freiheit für diese Welt.

Hoffnung ist nicht nur ein Wort,
Hoffnung, das sind Worte und Taten.
Als Zeichen der Hoffnung bist du, Jesus, lebendig,
als Zeichen der Hoffnung für diese Welt.

Amen

(Gebet nach EG 629 Liebe ist nicht nur ein Wort,
Text: Eckart Bücken 1973)