Glaube & Leben

Verbindung halten

18. September 2020 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

Liebe Leserinnen und Leser,

am Sonntag feiern wir Konfirmation anders als sonst. Am Samstag und Sonntag werden 27 der 33 Jugendlichen, die seit Sommer letzten Jahres den Konfirmandenunterricht besucht haben, eingesegnet. Sechs Jugendliche verschieben die Konfirmation auf einen späteren Zeitpunkt. Damit wir in Corona-Zeiten die nötige Vorsicht einhalten, feiern wir sechs Gottesdiensten und aus jeder Familie dürfen nur sechs Menschen an der Konfirmation teilnehmen. Um niemanden zu gefährden, müssen wir umdenken. Wie schnell sich das Virus auf einem Fest und durch einen Gottesdienst verbreiten kann, mussten wir in den vergangenen Monaten leider lernen.

Deshalb experimentieren wir damit, wie wir gleichzeitig die innere Verbindung zueinander und den körperlichen Abstand voneinander halten können. Dass dies geht, haben wir schon mit unserem digitalen Vorstellungsgottesdienst erlebt. Von zuhause aus haben die Jugendliche sich zusammengeschaltet und gemeinsam mit ihren Familien ganz anders aber eindrucksvoll Gottesdienst gefeiert.

Das Internet, Smartphones, Tabletts und Computer helfen miteinander in Verbindung zu bleiben. Darin sind die jungen Leute wirklich gut. Ganz schnell werden per WhatsApp, Instagram & Co untereinander Bilder, Videos und Nachrichten getauscht. (Bild von Gerd Altmann auf Pixabay): Die Lösung für die Mathe-Hausaufgaben oder ein komisches Video genauso wie Liebesbotschaften. Herzchen, Smilies und viele andere Emojis drücken dabei Gefühle aus. Manchmal ist gar ein Hilferuf dabei. Hoffentlich schickt dann jemand etwas Tröstendes und Helfendes zurück und es gerät nicht in falsche Hände.

Das Internet hilft uns in Verbindung zu bleiben. Das ist gut so. Aber manchmal reißt auch die Verbindung ab. Nicht immer ist ein Funkloch oder ein leerer Akku dran schuld. In jedem Leben gibt es Krisenzeiten, in der die Verbindung gestört ist: Ärger in der Familie, Liebeskummer, Stress in Schule und Beruf, Krankheit und Abschied. In den letzten Monaten mussten viele spüren, wie schwer es werden kann, auf sich allein gestellt zu sein.

Gut, wenn dann einer trotzdem Acht hat und sich um Verbindung bemüht. Das muss nicht das Klingeln des Handys sein. Ein liebes Wort, ein freundlicher Blick, eine Umarmung auch mal mit Maske – und ich merke: Ich bin nicht allein und abgeschnitten. Es geht weiter. Vertrauen baut sich auf. Die Verbindung, die so entsteht, ist nicht die, der High-Tech-Welt mit Flatrate und Highspeed-Internet und auch nicht die Sicherheit eines Lebens mit Erfolg, Karriere, hohem Lebensstandard und immerwährendem Fortschritt.

Das Vertrauen, das sich aufbaut, hat etwas mit Liebe und der Erfahrung des Glaubens zu tun. Es gibt eine Verbindung, die auch in Krisen trägt, weil ich ein Gotteskind bin – geliebt, nicht weil ich so klug, erfolgreich und schön bin, sondern einfach, weil Gott mich liebt. Gott hält Verbindung, auch wenn mein Akku mal leer ist und ich nichts mehr in der Tasche habe, um meine Karte aufzuladen.

Gott hält Empfang, auch wenn wir es gar nicht erwarten. Da kann ich ehrlich sein. Ich kann lieben – mit all meinen Stärken und Schwächen. Ich kann fröhlich und traurig sein – und werde geliebt. Wenn wir dies den jungen Menschen mit auf den Weg geben, dann brauchen wir uns, um sie keine Sorgen zu machen, denn die Verbindung hält – auch mit Abstand. Und für die Gäste, die nicht an den Konfirmationen teilnehmen können, übertragen wir die Gottesdienste digital, so halten auch sie ein Stück Verbindung.

Bleibt behütet!
Ihr und Euer Pfarrer Heinrich Schwarz

Mittagsgebet

Niemand kann von sich aus so leben, wie es uns mit dem Glauben zugemutet ist. Die Konfirmanden und Konfirmandinnen, ihre Eltern und Paten und wir alle brauchen dazu Ermutigung und Hilfe. Gott, unser Vater, wir bitten für die Jungen und Mädchen, die du uns anvertraut hast:

Gib ihnen deine Gnade, Schutz und Schirm vor allen Argen, Stärke und Hilfe zu allem Guten, dass sie bewahrt werden zum ewigen Leben, durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn und Bruder.

Amen

Himmelszeichen

11. September 2020 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

Liebe Leserin, lieber Leser,

Im Psalm 86 steht eine sehr menschliche Bitte: „Tu ein Zeichen an mir, dass du es gut mit mir meinst.“ Diese Bitte richtet sich an Gott, sie ist ein Gebet: „Tu ein Zeichen an mir, dass du, Gott, es gut mit mir meinst.“ Kennen Sie auch diesen Wunsch nach einem Zeichen?

Freundschaftszeichen

Manche Jugendliche tragen ein Freundschaftsbändchen. Also etwas, das man sehen und fühlen und nicht wegreden kann. Solch ein Freundschaftsbändchen ist das Zeichen dafür, dass da ein Freund ist, der es gut mit mir meint, der zu mir hält, den ich vertrauen kann.

Erwachsene tragen für eine Beziehung eher einen Ring. Er ist das Zeichen für jemanden, der sein Leben mit mir teilt, der mir zutiefst verbunden ist und für den ich da bin.

Ja, Zeichen können vielfältig sein. Entscheidend aber ist: Sie sind unübersehbar. Natürlich könnte ich auch denken: Eigentlich ist der Wunsch nach einem Zeichen doch Ausdruck von mangelndem Ausdruck, vielleicht sogar Misstrauen. Aber: Unser Herz, das doch einfach nur menschlich ist, verlangt danach.

Himmelszeichen

Am Anfang der Bibel erfahren wir auch von einem Zeichen, dass Gott es gut mit seiner Schöpfung meint: „Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken.“ Dieser Bund, für den der Regenbogen ein Zeichen ist, enthält eine Selbstverpflichtung Gottes gegenüber uns Menschen und gegenüber der ganzen Schöpfung. „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Die Erde soll nicht verflucht, sie soll gesegnet sein. Der Regenbogen ist also ein Zeichen des Friedens. Und zugleich ein Zeichen für Gott selbst.

In dem großartigen Song „What A Wonderful World“ singt Louis Amstrong die Zeile:  „The colors of  the rainbow so pretty in the sky.“ Betrachten wir einmal die sieben Farben des Regenbogens ein wenig genauer.

Rot – die Farbe der Liebe. Gott ist Liebe. Und Gott schenkt und zeigt uns seine Liebe
Orange – Rot vermischt mit Gelb. Gottes Liebe ist leuchtend und warm und wärmt unsere Herzen
Gelb – die Farbe der Sonne. Gott ist Licht und in ihm ist keine Finsternis, Licht voller Kraft
Grün – die Farbe des Lebens, des Wachsens. Der lebendige Gott ist ein Gott des Lebens. Er schenkt und erhält Leben
Blau – die Farbe der Klarheit und Weite des Himmels und der Tiefe des Meeres. Blau bringt Gottes Weite, Gottes Tiefe und Gottes Klarheit zum Ausdruck
Indigo – ein dunkles Blauviolett, die Farbe des Dunkeln, Rätselhaften. Auch das Unbegreifliche, Unbennbare ist aufgehoben bei Gott
Violett – Rot vermischt sich mit Blau. Gottes Weite, Gottes Tiefe. Gottes Klarheit ist die Weite, die Tiefe und Klarheit seiner Liebe

Der Regenbogen ist Gottes wundervolles Zeichen für sein großes Versprechen: „Solange die Erde besteht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

Saat und Ernte

Das zutiefst Elementare von Säen und Ernten lässt auch heute noch niemanden unberührt. Der Mutterboden von Acker und Garten wird bestellt und der Samen im Schoß der Erde verborgen. Geheimnisvoll keimt der Samen, ein Spross durchbricht die Ackerkrume, eine Pflanze wächst. Sie bringt Frucht, die in der Erde eingebracht wird. Gewiss, Säen und Ernten sind mit Mühe und Arbeit verbunden, doch eine köstliche Arbeit. Sie ist Mithilfe an einem Wunder. Und Ernte bringt Brot und Wein, Freude und Leben.

Bleiben Sie behütet!
Ihr Bernd Schminke
Prädikant und Vorsitzender des Kirchenvorstandes

Mittagsgebet

Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,
und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.
Ein Tag sagt’s dem andern,
und eine Nacht tut’s kund der anderen,
ohne Sprache und ohne Worte;
unhörbar ist ihre Stimme.

Ihr Schall geht aus in alle Lande
und ihr Reden bis an die Enden der Welt.
Er hat der Sonne ein Zelt am Himmel gemacht;
sie geht heraus wie ein Bräutigam aus seiner Kammer
und freut sich wie ein Held, zu laufen die Bahn.

Sie geht auf an einem Ende des Himmels
und läuft um bis wieder an sein Ende,
und nichts bleibt vor ihrer Glut verborgen.
Das Gesetz des HERRN ist vollkommen.

Das Zeugnis des HERRN ist gewiss
und macht die Unverständigen weise.
Die Befehle des HERRN sind lauter
und erleuchten die Augen.
Die Furcht des HERRN bleibt ewiglich.

Die Rechte des HERRN sind wahrhaftig allesamt gerecht.
Sie sind köstlicher als Gold und viel feines Gold,
sie sind süßer als Honig und Honigseim.

Lass dir wohlgefallen die Rede meines Mundes
und das Gespräch meines Herzens vor dir,
HERR, mein Fels und mein Erlöser.

(Psalm 19)

Vor dem Virus sind alle Menschen gleich

4. September 2020 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

Es ist heute nicht mehr egal, ob in China ein Sack Reis umfällt. Dies ist für mich eine der wichtigsten Lehren aus der Corona-Pandemie. Natürlich wissen wir schon längst, dass wir in einer globalisierten Welt leben, in der vom Kartoffelschäler bis zu den Handys vieles „Made in China“ ist, was wir tagtäglich benutzen. Die Pandemie zeigt mir aber auf erschreckende Weise, wie schnell nicht nur Waren, sondern auch die Viren und der Tod heute um die Welt gehen. Das wird wohl der Preis sein, den wir für Fortschritt und Wohlstand zahlen müssen, oder zumindest für das, was wir für Fortschritt und Wohlstand halten, meinen viele. Oder der Preis dafür, dass wir wieder raus können, fort von zuhause, hinaus in die Welt.

Dabei lerne ich aber langsam noch ein Zweites: Vor dem Virus sind alle Menschen gleich, aber die Kosten der Pandemie sind sehr ungleich verteilt. Die Krankheit verbreitet sich besonders schnell und stark unter Menschen aus, die unter miesen Bedingungen arbeiten und auf engsten Raum zusammenleben müssen. Und der Lockdown, der von einem wie mir vor allem Geduld gefordert hat, bringt andere an den Rand des Ruins, wenn die Aufträge wegbrechen und die Kunden zuhause bleiben. Aber es geht nicht allein um den wirtschaftlichen Schaden. Auch den seelischen Preis der Pandemie zahlen wieder die Kleinen, die Alten, die Armen. Im Kanzleramt gab es keinen „Kindergipfel“, in denen Alleinerziehende, Eltern, Erzieherinnen und Praktiker aus der Schule beraten hätten, wie Homeschooling und Homeoffice in einer Drei-Zimmer-Wohnung bei einem Einkommen zusammen gehen. Ob sich in den Schlachthäusern und der industriellen Landwirtschaft etwas ändert, bleibt abzuwarten. Und dass der „Pflegebonus“ den Pflegenotstand nicht behebt, wissen wir alle. Gerade die Menschen in den Pflege- und Seniorenheimen bleiben weiter von massiven Einschränkungen betroffen, mehr noch als die Kinder. Schön, wenn jetzt mit Voranmeldung drei 45-minütige Besuche pro Woche wieder möglich sind. Aber ich wage zu bezweifeln, dass dies reicht.

Wenn im Main-Kinzig-Kreis die Zahl der Infizierten wieder massiv steigt, halten die Vernünftigen Abstand. Sie ziehen ihre Masken beim Einkaufen und in den Bussen und Bahnen richtig über Mund und Nase und tragen mit ihrer Vorsicht ihren Teil zur Eindämmung des Virus bei. Das dies hilft, haben die vergangenen Monate gezeigt. Die wenigen Unvernünftigen, die endlich wieder Party machen wollen oder alles für eine Verschwörung halten, müssen wir sicherlich in die Schranken weisen.

Aber vor allem dürfen wir die nicht aus dem Blick verlieren, die im Stillen leiden – ohne Lobby und ohne Facebook-Seite. Margarete Stokowski schrieb jüngst in ihrer Kolumne auf spiegel.de: „Die Kritik der Rücksichtslosen und Ignoranten kann nur maximal die Hälfte dessen sein, was zu tun ist. Der Rest ist Kümmern und Bestärken und Aufpassen, dass niemand vergessen wird – auch die Leisen nicht.“ Behüten wir gerade jetzt die besonders gefährdeten Menschen, aber schließen wir sie nicht aus und weg. Das wird Zeit und Geld und viele Testkapazitäten kosten. Aber so zeigen wir dem Virus eine klare Kante: Auch für uns sind alle Menschen gleich wichtig – auch die Kleinen, die Alten, die Armen.

Bleiben Sie behütet.
Ihr Pfarrer Heinrich Schwarz

Mittagsgebet

Guter Gott, die Corona-Krise macht uns Angst. Solch eine Situation hatten wir noch nie. Auf der ganzen Welt werden Menschen deswegen krank. Und noch viel mehr bleiben zu Hause oder auf Abstand zueinander, um sich nicht anzustecken mit dem neuen Virus.

Ich bitte dich: Steh uns bei in dieser Situation. Sei bei den Kranken und den Risikopatienten und bei allen, die sich um sie kümmern. Hilf uns, gelassen zu bleiben. Hilf uns, Solidarität zu zeigen mit denjenigen, die wir jetzt besonders schützen müssen. Gerade für unsere Kinder und für die alten Menschen lass uns einstehen. Lass uns niemanden vergessen.

Guter Gott, gib uns einen langen Atem beim Umgang mit dieser Krankheit. Und schenke uns jetzt Mut und Zuversicht. Amen.

(nach Beate Hirt)

In die Augen sehen

28. August 2020 by ekro Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben

Liebe Leserin, lieber Leser,

seitdem wir in den Zeiten von Corona Gesichtsmasken tragen, versuche ich oft mein Gegenüber an seinen Augen zu erkennen. „Schau mir in die Augen, Kleines!“ sagt Humphrey Bogart alias Rick zu Elsa, seiner unglücklichen Liebe, in dem Filmklassiker Casablanca, als er sie nach einer Enttäuschung Jahre später wiedersieht.

Er schaut sie eindringlich an. Er sucht ihren Blick und möchte mit seinen Augen in ihren Augen lesen, ja ihr Herz schauen, vielleicht um sie zu verstehen oder um zu spüren, ob da noch etwas von den Spuren der alten Liebe zu finden ist…

Sich in die Augen schauen können Menschen, die sich offen und ehrlich begegnen, die einander vertrauen, nichts verbergen müssen und keine Scheu voreinander haben, zwischen denen nichts Trennendes steht. Wer sich so in die Augen schaut, kann mehr von dem anderen sehen, ja, manchmal bis in sein Herz blicken.

Es ist eine schmerzliche Erfahrung, wenn sich zwei Menschen sehr nahe sind und dann etwas geschieht, das die Beziehung und das Vertrauen zwischen ihnen verletzt, so sehr verletzt, dass sie sich nicht mehr offen in die Augen schauen können.

Wenn die Blicke sich nicht mehr suchen, sondern sich meiden oder abwenden – aus Schmerz, aus Ärger, auch aus Scham oder Schuldgefühl…

Das tut weh, das trennt und macht Angst. Angst, die Nähe des anderen, sein Vertrauen, seine Zuneigung und Liebe zu verlieren.

Ich vermute, dass Mose vielleicht ähnlich empfunden, gefühlt und gelitten hat, als die Israeliten, die er auf Gottes Befehl und Versprechen aus der ägyptischen Gefangenschaft und durch die Wüste Horeb geführt hat, sich von ihm und seinen Gott abwenden und sich ein goldenes Kalb bauen, das nun ihr Gott und Führer sein soll. Ein Gott, den sie sehen und anfassen können, damit sie sich auf ihn verlassen und ihm folgen.

Mose ist enttäuscht und wütend, als der das sieht, und zerbricht die Steintafeln mit den Geboten, die er von Gott empfangen hat – als Wegweiser für das neue Leben in der Freiheit.  Er zerbricht aber auch etwas zwischen ihm und den anderen, es zerbricht auch das Vertrauen und die Nähe zu Gott. Mose will Gottes Angesicht sehen, ihm „in die Augen“ sehen, damit er wieder weiß, dass Gott seine Augen nicht abgewendet hat.

Hier kommt die Liebesgeschichte zwischen Gott und den Menschen an einen schmerzlichen Punkt, denn Mose muss erfahren, dass er Gottes Angesicht nicht sehen kann, dass er nicht in sein Herz schauen und ihn nicht in seinem innersten Wesen erkennen kann. Das ist bitter, das ist wie ein Stachel der Ungewissheit und des Zweifels, ein Nährboden der Angst…

Das wäre wohl das Ende der Beziehung gewesen und ist es leider oft, wenn nicht noch etwas Entscheidendes geschieht…

Gott gibt Mose eine andere Antwort als erwartet. Er sagt ihm: „Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen. Ich gewähre Gnade, wem ich will und ich schenke Erbarmen, wem ich will.“ (2. Mose, 33,19)

Mose darf hinter ihm herschauen, aber sein Angesicht darf er nicht sehen. Ja, kein Mensch kann Gott sehen oder sein Angesicht schauen. Wir können Gott nicht sehen, aber seine Gegenwart und sein Wirken wahrnehmen. Gott geht vor uns her. Wir können seine Spuren erkennen und ihnen folgen.

Gott „nachschauen“, heißt, heiter und gelassen, zuversichtlich und hoffnungsvoll auf unseren Weg voraus-schauen!

Bleiben Sie behütet!

Ihr Bernd Schminke
Prädikant und Vorsitzender des Kirchenvorstandes

Hochmut kommt vor dem Fall

21. August 2020 by ekro Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben

Vermutlich kennen Sie dieses Sprichwort. Es ist ja nicht neu, weil es einer uralten menschlichen Erfahrung entstammt. Das hat auch Jesus schon so gesehen und seinen Jüngerinnen und Jüngern eine Geschichte erzählt, in der ein angesehener Amtsträger sich dafür rühmt, dass er penibel alle religiösen Vorschriften hält und froh darüber ist, nicht so zu sein wie die Menschen, die er verachtet. Genau solch ein verachteter Mensch aber nimmt sich zurück und betet im Verborgenen: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“

In dieser Geschichte aus dem Lukasevangelium (Kapitel 18,9-14) sind die beiden ein Pharisäer und ein Zöllner, also ein Vertreter der religiösen Führung und ein verachteter Kollaborateur mit der römischen Besatzungsmacht. Die Bewertung, die Jesus ihrem Verhalten gibt, fällt eindeutig zugunsten des Zöllners aus. Er wird als demütiges Vorbild präsentiert, dem es nachzueifern gilt. Und diese Einschätzung haben wir in unser heutiges Verständnis übernommen: Mit Pharisäer meinen wir einen falschen, verschlagenen Menschen, und Zöllner erscheint fast immer und gleichbedeutend mit Sünder.

Damals war das eine unerhörte Kehrtwendung der bisherigen Werte, wenn gerade der verachtete Zöllner mit seiner demütigen Geste als Vorbild erscheint. Aber er ist sich dessen bewusst, dass er womöglich Menschen über den Tisch gezogen und ihrer Einkünfte geraubt hat, und zeigt deshalb Reue und Demut. Doch genau das wird von Gott anerkannt, sagt Jesus, und genau deshalb achtet er ihn. Der Pharisäer, der mit seinen Vorzügen prahlt, kommt schlecht weg.

Das heißt nicht, dass man sich immer klein machen soll. Man kann durchaus zu dem, was man gemacht hat, was einem gelungen ist und was man gut kann, stehen. Nur darf das nicht ganz oben rangieren und vor allem nicht dazu führen, sich über andere zu erheben. Denn bei Gott geht es nicht darum, was man alles geleistet hat, sondern darum, wie man mit sich, mit seinen Fehlern und mit seinen Mitmenschen umgeht. Und diese – göttlichen – Maßstäbe führen immer wieder einmal zur Kritik an den bestehenden Sichtweisen und Gepflogenheiten. Auch heute noch!

Bleiben Sie behütet!
Ihr Pfarrer Michael Ebersohn

Mittagsgebet

Gott, wir hoffen, dass du uns in Gnade ansiehst, uns verwandelst
und unsere Worte im Gebet weit machst durch deinen Geist.
Sei uns gnädig.

Wir bitten dich für alle Verblendeten, die voll Enthusiasmus in den Krieg ziehen,
weil sie an vermeintlich Höheres glauben als Menschenleben
und sich über andere erheben.

Wir bitten dich für alle, die ihren Glauben gegen andere wenden,
für alle, die blind geworden sind in Rassismus und Hass,
die nicht mehr vergeben können.

Wir bitten dich für die vielen, die nur noch an sich glauben können,
deren Lebenshorizont eng geworden ist, die verhärtet und vereinsamt sind,
die den Blick nicht heben können.

Wir bitten dich für uns selbst,
wo uns die Demut fehlt, um uns selbst zu erkennen,
wo wir schuldig werden, ohne es zu merken.

Gott, sieh uns gnädig an und führe uns auf dem Weg ins Leben!
Durch Jesus Christus, unseren Herrn.
Amen.

Viel gegeben – reich beschenkt

14. August 2020 by ekro Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben

Mit einem Bekannten unterhalte ich mich über den christlichen Glauben. „Der Glaube spielte bei uns zuhause keine Rolle“, sagt er. „Aber wir wurden im Geiste von Kants Kategorischem Imperativ erzogen“. Und der besagt:

„Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“

Das klingt kompliziert. Klar, es ist ja auch von Immanuel Kant, dem großen Philosophen zur Zeit der Aufklärung. Ausführlich reflektiert er diesen ethischen Imperativ in seiner Kritik der praktischen Vernunft. Die Goldene Regel aus der biblischen Bergpredigt formuliert diesen Grundsatz etwas schlichter:

„Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut ihnen auch“.

In diesem Jahr jährt sich der Todestag von Dietrich Bonhoeffer zum 75. Mal, jenem bekannten deutschen Pfarrer und Widerstandskämpfer, der sich als Theologe der Bekennenden Kirche zur Wehr setzte gegen das menschenverachtende und lebensvernichtende Regime der NS-Diktatur. Ihm wurde die Einsicht zur Gewissheit, dass die Grundsätze dieses Regimes den biblischen Maßstäben der Menschenfreundlichkeit Gottes und des menschlichen Miteinanders diametral entgegenstehen. Und es war wohl die Stimme seines Gewissens, die von ihm forderte, für diese Überzeugung auch einzustehen.

Aus seiner Haft im Kellergefängnis der Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin ist ein Gedicht erhalten, das viele Menschen seither berührt:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag“.

Bonhoeffer schrieb dieses Gedicht zum Weihnachtsfest 1943 für seine Verlobte Maria von Wedemeyer. Er schreibt von einer Geborgenheit inmitten der Einsamkeit seiner Kerkerzelle. Von einem Trost inmitten seiner Zukunftsangst. Er schreibt auch von seiner aufgeschreckten Seele. Von den Lasten des Alten, das sein Herz quält. Noch hat es Macht über ihn. Und doch erkennt Bonhoeffer darin etwas Vorläufiges. Etwas, das jetzt Macht hat, aber das vergehen muss, wenn Gottes wunderbares Heil über uns anbricht, zu dem wir berufen sind.

Bonhoeffer selbst war kein Mensch, der nur auf das Jenseits hin lebte. Er liebte das Leben, „diese() Welt und ihrer Sonne Glanz“. Und er lebte von der inständigen Hoffnung auf ein Wiedersehen mit seinen Lieben hier in diesem Leben. „Führ, wenn sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht“, betet er in seinem Gedicht. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 hingerichtet. Und doch zeugt diese schriftliche Lebensäußerung, die wir von Bonhoeffer haben, von einer anderen, einer größeren Wirklichkeit, die in seiner Gefängniszelle „unsichtbar sich um (ihn) weitet“. Eine Welt der Stille und des Friedens mitten im Lärm der Folterzellen und Gefängniswelt. Etwas Unfassbares, das unseren Verstand übersteigt, weil es Gottes Wirklichkeit ist, der wir hier begegnen. Gottes bedingungsloser Liebe zu uns, die unsere Wunden heilt. Gottes tiefem Frieden, der unsere aufgeschreckte Seele behütet und tröstet.

Wem viel anvertraut ist, von dem wird man viel fordern. Und zugleich: Wer viel gibt, wer viel Vertrauen investiert, dem wird auch viel gegeben werden. Auch dieser Gedanke steckt in den Versen und Geschichten des heutigen Sonntags. In der Kargheit und Armut seiner Gefängniszelle öffnet sich für Bonhoeffer der Reichtum von Gottes Wirklichkeit.

Bleiben Sie behütet!
Ihre Pfarrerin Katharina Bärenfänger

Luftaufnahme der US-Army des riesigen Atompilzes ueber Hiroshima am 6. August 1945 Foto: © HIROSHIMA PEACE MEMORIAL MUSEUM

Nicht mehr lernen, Krieg zu führen?

9. August 2020 by ekro Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben

Am 6. August vor 75 Jahren explodierte die erste Atombombe. Auf Befehl des amerikanischen Präsidenten Truman wurde sie über der japanischen Stadt Hiroschima gezündet, drei Tage später, am 9. August 1945, die zweite auf Nagasaki. Sie beendeten das millionenfache Sterben des Zweiten Weltkriegs und brachte zugleich unvorstellbares Grauen über die Opfer. Das Grauen war so gewaltig, dass die Bombe kein drittes Mal gezündet wurde – außer zu den mehr als 2.000 Kernwaffenversuchen seither. Mit diesem Bombenabwurf auf Hiroschima begann die Phase des Kalten Krieges zwischen Ost und West. Das Gleichgewicht des Schreckens bewahrte uns davor, dass der Krieg allzu nah an uns herankam. Gut, da gab es Korea, dann Vietnam und weit mehr als 100 weitere Kriege in der Welt, aber wir in Europa hatten Ruhe.

Vor 30 Jahren dann kam die Wende. Wir träumten davon, dass mit Gorbatschows Reformpolitik und der unerwarteten Wiedervereinigung Deutschlands nicht nur der Kalte Krieg zu Ende ging.

„Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ hatte der Prophet Micha im Alten Testament (Micha 4,3) vor zweieinhalb tausend Jahren schon gehofft. Die Zeit des Friedens schien so nah zu sein wie nie.

Heute reiben wir uns die Augen und fragen: Wie konnten wir uns nur so täuschen über die Welt und uns Menschen? Nach den bitteren Erfahrungen der letzten Jahrzehnte – vom Jugoslawienkrieg bis zu den Bürgerkriegen in Syrien und im Jemen müssen wir uns eingestehen, es ist kein Frieden auf Erden.

Waffen finden sich noch immer genug, wenn Menschen – wie seit Kain und Abel – aufeinander losgehen. Und es finden sich gerade in den reichen Ländern, nicht zuletzt in unserem Land, noch immer genug Firmen, Interessengruppen, Beamte, aber auch viele einfache Menschen in den Betrieben, die lieber Waffen liefern als Pflugscharen. Daran lässt sich besser verdienen, es sichert Einkommen und Beschäftigung. Für den Frieden zu arbeiten, scheint nichts einzubringen.

Woher dann die Kraft nehmen, für den Frieden zu arbeiten? Mir hilft der Blick auf den Propheten Jesaja, der trotz den Erfahrungen von Hass und Gewalt an seiner Vision festgehalten hat. Diese Sehnsucht nach Frieden ist seither in uns wach – quer durch alle Religionen und Weltanschauungen und obwohl Religion immer wieder dazu missbraucht wird, Waffen zu segnen und Menschen in den Krieg zu schicken.

Seit Kain und Abel sind wir Menschen fehlbar und selbstsüchtig, aber zugleich haben wir die Begabung zur Liebe und Frieden, die Grenzen überwinden. Manche tun das als Träumerei ab. Mag man in der Welt noch weit davon entfernt sein, die Schwerter zu Pflugscharen zu machen und die Panzer zu Traktoren, doch die Vision des Jesaja erinnert mich daran. Aber wenn das Leben von Krieg und Hass bedroht wird, brauchen wir erst recht Menschen, denen das fremd ist. Die Träumer sind die einzigen, die einen Weg in die Zukunft finden. Ich will diesen Traum wachhalten und weitergeben auch an meine Enkel.

Bleiben Sie behütet!
Ihre Pfarrer Heinrich Schwarz

Bilder: Luftaufnahme der US-Army des riesigen Atompilzes über Hiroshima am 6. August 1945 Foto: © Hiroshima Peace Memorial Museum und Foto von der Kirche St. Nikolai, Greifswald, Autor: Condord

Sind wir nicht zu fade?

31. Juli 2020 by ekro Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben

„Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt“, sagt Jesus in seiner Bergpredigt (Matthäus 5; Bild: LoggaWiggler/ pixabay.com). Wir fühlen uns damit schnell überfordert. Sind wir nicht zu fade? Bei wem springt schon der Funke der Begeisterung über? Vielleicht liegt dieser Selbstzweifel daran, dass wir zu viel Salz und zu viel Licht haben? Salz ist überall: In den Fertiggerichten, der Wurst, auf den Pommes. Salzarm – das ist für uns heute eine Diät bei Bluthochdruck. Nicht viel anders beim Licht. Alles wird angestrahlt, selbst unsere Kirche. Die Erde ist nachts vielerorts so hell geworden, dass wir die Sterne kaum mehr leuchten sehen. Lichtverschmutzung nennen das die Astronomen.

Zuviel Salz, Zuviel Licht. Wir sind überfüttert damit. Wir sehen und schmecken nicht mehr das Wertvolle dran. Keine Dämmerstunden mehr und keinen feinen Geschmacksunterschied mehr auf der Zunge. Mit dem Zuviel gehen die Zwischentöne im Leben verloren. Nicht nur beim Essen und Sehen.

Zur Zeit Jesu war das anders. Salz war wertvoll, zeitweise sogar Zahlungsmittel. Und in der Nacht brannte nur das kleine Licht der Öllampen. Immer war die Sorge da, dass das Öl nicht reichen könnte. Salz und Licht – damals knapp und wertvoll.

Unser Zuviel täuscht die Sinne. Und so kommt es auch, dass wir uns nicht so recht wohl dabei fühlen, wenn wir als Salz der Erde und Licht der Welt bezeichnet werden. Wir kleinen Körnchen, wir kleinen Lichter – Salz der Erde? Licht der Welt? Wir hören diese Frage als Anfrage: Sind wir zu fade? Stellen wir unser Licht unter den Scheffel? Wir hören Kritik heraus, Mahnung besser zu werden, engagierter, frommer, überzeugender.

Aber kann denn Salz fade werden, fragt Jesus dann weiter? Nein! Salz wird nicht fade. Und jeder Funke hat das Potential zur Flamme. Jesus stärkt uns, wenn er uns mit Salz und Licht vergleicht. Erst mit unserer Kleingläubigkeit und dem immerwährenden Lamento, werden wir fade und unser Licht wird schwach.

Jesus sieht uns so, wie wir von Gott gewollt sind. Er sieht uns mit unseren Möglichkeiten und Begabungen. Er will uns nicht klein machen. Nein, er möchte, dass wir wachsen. Was in uns steckt, soll sich entfalten. Es ist nicht nötig, scharf wie ein Zentner Salz zu werden und als gleißende Sonne verbrennen wir anderen nur die Augen. Es reicht das Körnchen zu sein, dass den richtigen Geschmack bringt und das Fünkchen, dass die Glut neu anfacht.

Bleiben Sie behütet!
Ihre Pfarrer Heinrich Schwarz

Ich bin ein Gast auf Erden

24. Juli 2020 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

Es ist Sommerzeit. Urlaubszeit. Noch vor wenigen Wochen war an Urlaubsfahrten nicht zu denken, doch nun bin ich tatsächlich zu Gast in meinem geliebten Urlaubsort an der Ostsee. So, wie schon viele Sommerwochen meines Lebens von Kindesbeinen an. Es ist für mich immer ein bisschen auch „nach Hause kommen“. In der Ferne sein und trotzdem zuhause – gerade darin besteht für mich ein Reiz. Insgeheim danke ich den Menschen in Schleswig-Holstein, dass sie sich auch in diesem Jahr, auch unter den veränderten Umständen, auf uns als Feriengäste einlassen, uns willkommen heißen. Was werden wir ihnen bringen? Hoffentlich ein bisschen Normalität und Lebensfreude zurück in ihren Alltag, hoffentlich einige herzliche Begegnungen und ein paar Geschichten aus unserer Heimat – und hoffentlich natürlich auch einige Einnahmen für die kleineren Geschäfte und Hofläden hier an der Küste. Hoffentlich werden wir ihnen keine Gefahr, keine steigenden Fallzahlen bringen und vor allem keine Sorge vor einem erneuten, regionalen Lockdown. Chancen und Risiken – beides gehört zum Gastsein und zum Gastgebersein mit dazu. Neben mir auf dem großen Parkplatz hinter dem Deich parkt ein Auto mit dem Kennzeichen „GÖ“ für Göttingen und eines mit „GT“ für Gütersloh – merkwürdig, auf was ich in diesem Jahr so achte, denke ich intuitiv.

Im Strandkorb lese ich den Bibeltext für den Sonntag nach meinen Ferien, an dem ich wieder predigen werde: „Bleibt fest in der brüderlichen Liebe“, lese ich dort im 13. Kapitel des Hebräerbriefes. „Gastfrei zu sein, vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ Eine Dimension von Gastfreundschaft erlebe ich gerade hier in meinem Urlaubsort. Bis in welche Dimensionen dieser Bibelvers aber tatsächlich hineinreicht, wird mir durch meine Urlaubslektüre bewusst. Ich lese das Buch „Aschenblüte“, die Erzählung einer jungen Frau aus Ruanda, die 1994 den Völkermord der Hutu an den Tutsi überlebt. Die Sicherheitslage spitzt sich auch in ihrem kleinen Heimatdorf Mataba im Westen Ruandas dramatisch zu. Kurz bevor ihr Vater, ihre Mutter und ihre beiden Brüder zusammen mit den übrigen Dorfbewohnern dem grausamen Gemetzel ihrer Killer zum Opfer fallen, schickt ihr Vater seine Tochter zu einem – nun feindlichen – Hutu-Pastor in dem Vertrauen: „Geh zu Pastor Murinzi. Ich bin sicher, er wird dich verstecken, […].“

Ohne seine eigene Familie einzuweihen, gewährt der Pastor unter Lebensgefahr zuerst sechs, später acht Tutsi-Frauen und -Kindern Zuflucht in einem winzigen Toilettenraum in seinem Haus, dessen Eingang von einem großen Schrank verdeckt wird. Alle paar Tage rückt der Pastor nachts den großen Schrank zur Seite, um die Versteckten mit Essensresten und Wasser zu versorgen. Nahezu bewegungslos aufeinander gestapelt harren die acht Frauen und Kinder in diesem winzigen Toilettenraum aus – für die Dauer von 3 Monaten! Der Pastor selbst ist mehrfacher Vater. Immer wieder überfallen ihn schreckliche Zweifel an dem, was er tut. Der feindseligen Propaganda der Medien, die mit Verschwörungstheorien versuchen, die Hutu gegen ihre Tutsi-Nachbarn aufzuwiegeln und zu einem der weltweit größten und grausamsten Völkermorde anzustacheln – dem Einfluss dieser Propaganda kann auch er sich nicht gänzlich entziehen. Beherbergt er am Ende Kinder von Rebellen? Ehefrauen von Feinden? Aber inmitten seiner Zweifel, seiner eigenen ideologischen Verwirrung, bleibt er bei dem schlichten Grundsatz der Bibel: „Gastfrei zu sein, vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt“ (Hebräer 13, 2). Und er bleibt bei den Worten von Jesus: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40).

Immaculée Ilibagiza, die junge Frau aus Ruanda, überlebte dank der Gastfreundschaft des Hutu-Pastors Murinzi die Monate des Mordens. Heute lebt sie zusammen mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in den USA und arbeitet bei den Vereinten Nationen. Der von ihr gegründete Charitable Fund LEFT TO TELL, „Übrig, um zu erzählen“, kümmert sich um verwaiste Kinder aus afrikanischen Kriegsgebieten.

Bleiben Sie behütet!
Ihre Pfarrerin Katharina Bärenfänger

Labyrinth: Kein Irrgarten

17. Juli 2020 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

Liebe Leserinnen und Leser!

Ich lade sie heute zu einer kleinen Reise durch ein Labyrinth ein. Es findet sich auf dem Boden der Kathedrale von Chartre in Frankreich. Im Original misst es mehr als 12 Meter im Durchmesser. Heute reicht ein Stift, um sich auf die Reise zu begeben. Machen wir uns also auf den Weg! Der Eingang ist unten.

Wir gehen hinein und schon nach nur einer Schleife sind wir ganz nahe daran an der Mitte. Vielleicht so, wie die Kinder am Beginn ihres Lebensweges. Es lebt noch ganz aus der eigenen Mitte, spürt alle seine Bedürfnisse und äußert sie auch sofort, getragen von dem Vertrauen versorgt zu werden. Ein Kind zeigt seine Gefühle unverstellt. Es bringt Zuneigung zum Ausdruck, lässt aber auch sehen, wenn es jemanden nicht mag – was für uns Erwachsene manchmal gar nicht so einfach ist.

Aber je älter wir werden, je länger wir auf unserem Lebensweg unterwegs sind, um so weiter entfernen wir uns wieder von der Mitte. Wir kommen auf Wegstrecken, wo wir nicht mehr weiter wissen, wo wir zweifeln, weil wir das Ziel aus den Augen verloren haben. Das sind Zeiten, in denen wir kein Land mehr sehen und Angst haben, dass wir nie mehr froh werden. Zeiten, in denen wir daran zweifeln, dass das alles einen Sinn hat.

Aber die Mitte ist da, auch wenn wir sie nicht sehen können. Und weiter gehen wir und kommen auf Wege, wo wir mühelos und gelassen ausschreiten. Wir sind zufrieden mit dem Leben. Wir freuen uns an Kleinigkeiten und lassen uns nicht verrückt machen – weder vom üblichen Kleinklein der Alltagssorgen noch von großen Herausforderungen. Nein, ohne tiefschürfende Gedanken freuen uns einfach unseres Lebens und leben im Hier und Jetzt.

Nach der nächsten Biegung kann es schon wieder anders aussehen – leider. Unterwegs im Labyrinth wissen wir meist nicht, wo wir sind. Ob das Ziel nahe ist oder noch fern. Aber kurz, bevor wir in der Mitte an-kommen, müssen wir erst noch einmal ganz an den äußeren Rand. Der Weg hin zur Mitte ist kein geradliniger.

Wenn Sie den Weg des Labyrinths bis hierhin nachgezeichnet haben, werde Sie feststellen, dass es nur einen einzigen Weg hin zur Mitte gibt, auch wenn sie bei all den Windungen uns manchmal aus dem Blick gerät. Aber letztlich führt das Labyrinth zum Ziel. Auch auf unübersichtlichen Strecken brauchen wir uns nicht in Hoffnungslosigkeit zu verlieren. Wer hier unterwegs bleibt und Schritt für Schritt weitergeht, kann seine Mitte nicht verfehlen.

Das Labyrinth als Deutung unseres Lebenswegs lädt ein zur Einkehr und zur Heimkehr in die eigene Mitte. Heimzukommen zu uns selbst, eins zu werden mit uns selbst und unserem Körper, eins zu werden mit der Mitte, die uns hält und trägt. Darauf vertraut der Glaube. Leben ist kein Irrgarten, der uns in Sackgassen führt, sondern auf verschlungenen Pfaden kreisen wir doch um unsere Mitte, bis wir sie am Ende erreichen.

Bleiben Sie behütet auf der Reise zu Ihrer Mitte!
Ihr Pfarrer Heinrich Schwarz