Gedanken zum Sonntag

Um Gottes weit geöffnete Vaterarme geht es am dritten Sonntag nach Trinitatis. In den Geschichten des Lukasevangeliums hören wir, wie Gott die empfängt, die verlegen und verlassen, vergessen und verloren zu ihm gelaufen kommen.

So muss der wahre Friede sein

„So ist Versöhnung, so muss der wahre Friede sein, so ist Versöhnung, so ist Vergeben und Verzeihen“, heißt es in einem Lied von Jürgen Werth. Als ich 14 Jahre alt war, haben wir es auf einer Jugendfreizeit fast jeden Abend am Lagerfeuer gesungen. Manchmal hatten wir es nötig, dieses Lied zu singen, weil es tagsüber zwischen uns Krach gegeben hatte. Bei den Wettspielen, draußen im freien Gelände, beim Tischdienst oder bei der Zeltwache. Meistens aber sangen wir es einfach nur, weil wir diese friedvolle Atmosphäre am lodernden Feuer so sehr liebten. Ja, hierher passte dieses Lied wirklich gut.

Bild: Pixabay

Mein Großvater war nur wenige Jahre älter als ich damals, als er als jugendlicher Soldat während des Zweiten Weltkriegs nach Russland geschickt wurde. Mein Lieblingslied von Frieden und Versöhnung kannte er nicht. Aber was Frieden und Versöhnung in einem einzigen Augenblick für einen Unterschied machen können, das hatte er als Jugendlicher in Russland hautnah erfahren und mir als Enkelin später erzählt: „Bei einem Manöver sprang ich in einen Schützengraben – und sprang einem russischen Soldaten direkt auf die Füße. Für den Bruchteil einer Sekunde schauten wir uns beide an, starr vor Schreck. Wer wird schneller seine Waffe ziehen? Da legte ich dem russischen Soldaten meine Hand auf die Schulter und sagte: Kamerad! Diese Geste hat uns beiden das Leben gerettet“. Eine Geste des Friedens mitten im Krieg. Gerettet, obwohl eigentlich verloren.

Gottes Geste des Friedens, seine weit geöffneten Arme bedeuten genau das für uns: Gerettet, obwohl eigentlich verloren. Jesus selbst erzählt davon: Wie ein Vater mit weit geöffneten Armen und einem brennenden Herzen voller Liebe empfängt Gott sein Kind, das verlegen und verlassen, vergessen und verloren zu ihm kommt. Ja mehr noch, Jesus erzählt nicht nur davon, Jesus selbst steht mit seinem Leben dafür ein. Er lässt sich darauf festlegen, sogar festnageln: als Mann am Kreuz mit diesen weit ausgestreckten Armen für alle, die vergessen und verloren sind.
Wenn Gott so ist, dann traue auch ich mich zu ihm, so wie ich bin. Dann vertraue ich darauf: Hier begegne ich nicht verschränkten Armen, einer geballten Faust oder einem Gewehr im Anschlag. Hier begegne ich Gottes weit geöffneten Armen und einem Herzen voll brennender Liebe für mich.

„Wie ein Fest nach langer Trauer, wie ein Feuer in der Nacht, ein off‘nes Tor in einer Mauer für die Sonne aufgemacht. […] So ist Versöhnung. So muss der wahre Friede sein. So ist Versöhnung. So ist Vergeben und Verzeihen.“ (Jürgen Werth)

Bleiben Sie behütet!
Ihre Pfarrerin Katharina Bärenfänger

Schreibe einen Kommentar