AktuellesGlaube & LebenGottesdienste

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Das ist das Bibelwort zum 20. Sonntag nach Trinitatis aus dem Buch des Propheten Micha, Kapitel 6, Vers 8. An diesem Sonntag geht es um die Suche nach Wegen zu einem guten Miteinander zwischen uns und zwischen uns und Gott (Bild von Gert Altmann auf pixabay.com).

Was gut ist

Seit Februar beschäftigt uns die Corona-Pandemie. Täglich verfolgen wir, wie Infektionszahlen sinken oder steigen, Regeln gelockert oder verschärft werden und: wie wir selbst und andere darauf reagieren – mit Sorge, mit Schrecken, mit Wut, mit Protest. Im Buch des Propheten Micha lesen wir zum 20. Sonntag nach Trinitatis: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert.“ Naja, wenn das so einfach ist, wo liegt dann das Problem?

Da sagen die einen: Ich soll Masken tragen und vorsichtig sein. Das tue ich. Da sagen die anderen: Uns wird unsere Freiheit genommen. Wir müssen uns wehren.

Hat denn ein Text aus dem Buch Micha mit Offenbarungen aus dem 8. Jh. v. Chr. uns in dieser Situation etwas zu sagen? Auf den ersten Blick: Nein. Uns trennt ein garstiger historischer Graben. Die Frage einer Pandemie ist bei Texten aus dem Buch Micha nicht im Blick. Auf den zweiten Blick: Ja, wohl doch. Denn im Buch Micha geht es Kapitel um Kapitel um soziale Fragen und die generelle Frage eines guten und gerechten menschlichen Miteinanders und einer angemessenen Haltung gegenüber Gott.

Darum endet der Vers auch nicht mit dem Satz: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert“, so, als wüssten wir schon alles und müssten uns nur auf unseren Standpunkt zurückziehen. Sondern der Satz führt zu einem Doppelpunkt und gibt uns entscheidende Kriterien für unsere Suche nach einem guten Weg an die Hand:

– nichts als Gottes Wort halten
– und Liebe üben
– und demütig sein vor deinem Gott

Der zweite Halbsatz aus Micha 6,8 enthält so etwas wie die „Kurzformel des Glaubens“ und lässt sich in der Übersetzung für den Deutschen Evangelischen Kirchentag 1995 in Hamburg auch so lesen:

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht:

– nichts anderes als Gerechtigkeit üben
– Freundlichkeit lieben
– und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott

Was bedeutet „Gerechtigkeit üben“?

Artikel 1 des Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar, sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Dieser Artikel entfaltet seine Wirkung aber nicht nur zwischen Staat und Bürgern, sondern – über die sogenannte Drittwirkung – auch zwischen Bürgern untereinander. Dies bedeutet: Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. So viel mir meine Gesundheit wert ist, so viel soll mir auch die Gesundheit des anderen wert sein. So viel mir meine Freiheit wert ist, so viel soll mir auch die Freiheit des anderen wert sein. Menschenwürde ist kein abstrakter Wert. Um Würde leben zu können, brauchen wir soziale Verhaltensweisen.

Was bedeutet „Freundlichkeit lieben“?

„Liebe“ üben ist nicht die einzige mögliche Übersetzung aus dem Hebräischen. Es kann auch Güte, Barmherzigkeit oder Solidarität heißen. In jedem Fall bezeichnet es ein zwischenmenschliches, solidarisches Verhalten und hierbei, im Buch Micha immer mitgedacht, unter der Perspektive der Stärkeren gegenüber den Schwächeren.

In der Philosophie und Psychologie bedeutet eine Regel- und Gebotserfüllung unter Zwang für den Menschen in der Regel ein Übel. Anders verhält es sich mit einer Leistung aus eigenem Antrieb. Dies wiederum bedeutet sogar einen Lustgewinn. Und hier kommt nun das ins Spiel, was wir mit Solidarität bezeichnen. Solidarität sollen wir leben und üben – aber sogar noch mehr als das: Wir sollen sie sogar lieben! Und durch sie in unserem Handeln einen Lustgewinn erfahren. Denn Solidarität ist kein notwendiges Übel, sondern ein Zuwachs an Menschlichkeit, eine Bereicherung unseres Lebens, eine Dimension von Gottes Handeln uns zum Wohle.

Was bedeutet „aufmerksam mitgehen mit deinem Gott“? Da, wo ich gehe, bewege ich mich – halte Augen und Ohren offen, bleibe nicht stehen, beharre nicht auf meinem vorgefertigten Standpunkt. Bleibe dynamisch und rege – körperlich und geistig. Da, wo ich mitgehe, lasse ich mich auf eine Weggefährtenschaft ein. Mitgehen bedeutet deshalb, sehr genau zu schauen und zu entscheiden, mit wem ich mitgehe. Mit wem ich diese Weggefährtenschaft eingehe.

Martin Luther empfiehlt an dieser Stelle eine engstmögliche Weggefährtenschaft mit Gott. Denn Luthers Erfahrung war: Je enger ich mit Gott mitgehe, mit dem Vater Jesu Christi, desto größer wird meine Freiheit. Je mehr ich auf sein Wort höre, desto besser kann ich zwischen den vielen Worten unterscheiden, die ich sonst noch höre. Je mehr ich aufmerksam mitgehe mit meinem Gott, desto besser kann ich entscheiden, welche Meinungen und Standpunkte zu Gottes Solidarität passen, die er in Jesus Christus zu uns gelebt hat.

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.
Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“
(Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen).

Ihre Pfarrerin
Katharina Bärenfänger

Mittagsgebet

Herr, unser Gott, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist für alle, mit denen wir zusammen deine Gegenwart und Menschenfreundlichkeit bezeugen.

Sprich zu uns, erinnere uns an deine Gebote und an das, was gut ist für uns und andere, damit wir leben.

Geh mit uns mit. Im Vertrauen auf Jesus Christus, deinen Sohn, rufen wir zu dir: Erbarme dich.

(nach einem Gebet aus der VELKD)

Schreibe einen Kommentar