Erinnerungen

„Optimismus ist wichtig. Gerade jetzt! Die Krise ist eine Chance.“ Mit Sprüchen wie diesen versuchen Lebensberater, egal ob esoterisch angehaucht oder psychologisch geschult, uns Mut zu machen. „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Auch das Jesus-Wort für die kommende Woche aus dem Lukas-Evangelium passt in diese Richtung. Da höre ich doch den Ton raus, der so angesagt ist in unserer Welt. Ach komm, stell dich nicht so an. Natürlich – alles schlimm. Aber wir haben noch andere Aufgaben zu beackern. Sieh nicht zurück, sieh bloß nach vorne, denke positiv! Es wird schon wieder! Also Augen zu und durch.

Dabei sollten wir doch gelernt haben, wie wichtig der Rückblick ist, nicht nur am Jahresende mit den Fernsehshows, in denen die großen und kleinen Katastrophen des Jahres nochmal aufbereitet werden.

Wir leben in der Mitte zwischen Gestern und Morgen. Wir blicken zurück. Wir haben Erinnerungen. Jedes Bild an der Wand, jedes Souvenir aus einem Urlaub, der erste Zahn, die erste Locke … Wir leben mit Erinnerungen, auch mit denen, die weh tun – eine Trennung, ein Abschied, ein schlimmes Erlebnis.

Wir leben mit unseren Erinnerungen in dieser Mitte zwischen Gestern und Morgen. Und ich will eine Lanze fürs Erinnern brechen. Denn nur in der Erinnerung liegt die Chance für das Morgen. Aber ich weiß auch, wie sehr mich das Gestern fesseln kann – gerade, wenn ich nicht zurückschauen will, weil die Enttäuschung so groß, die Trauer so tief, der Schmerz so einschneidend ist. Das will ich so schnell wie möglich vergessen. Bloß nicht zurückschauen, bloß weg damit.

Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – hält es mich gefangen. Was ich hinter mir lassen will, verdrängen will, das holt mich gerade ein. Gerade wenn ich mich zwinge, nicht zurückzusehen, stehen die Erinnerungen hellwach hinter mir. Und genau das verlangt Jesus von mir? Es wird sogar noch radikaler: „Lasst die Toten die Toten begraben“, sagt er kurz zuvor.

Dabei kann ich doch gerade die andere Erfahrung machen: Wenn ich meine Toten begraben habe, liebevoll, traurig – dann kann ich wieder mit neuer Kraft nach vorne sehen, Hand an den Pflug der Zukunft legen. Das aber braucht Zeit. Gerade vom Schweren im Leben muss langsam Abschied genommen werden. Ich muss immer wieder einmal zurücksehen dürfen und traurig sein – sonst holt mich die Vergangenheit wieder ein.

Wenn ich diese Zeit für den Abschied, das Zurückblicken und den Schmerz nicht habe, lähmt mich der Ballast der schweren Erinnerungen und hält mich fest. So gelingt es gerade nicht, Hand an den Pflug der Zukunft zu legen. Wenn ich zu hastig nach vorne schaue, kann ich den Acker des Lebens, der vor mir liegt, gerade nicht umbrechen.

Kann sein, dass wir da Jesus missverstanden haben? Mag sein. Denn vor ihm liegt keine offene, positive Zukunft. „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“, sagt er. Wer so seine Situation beschreibt, der verführt uns nicht, das Schwere zu verdrängen, im Gegenteil.

Es ist eine bittere Erfahrung: Zum Haben gehört auch das Hergeben. Das Empfangen und Loslassen sind miteinander verflochten. Auch das gilt auch auf das Schwere – auch das müssen wir irgendwann loslassen können. Hände, die loslassen können, bekommen, was die geballte Faust nie zwingt: Gefährten beim Weiterziehen, Kraft, die der Verzweiflung widersteht und den Mut, nach vorne zu blicken.

In den existenziellen Situationen unseres Lebens stellt sich auch heraus … Vieles von dem, was wir für unbedingt nötig halten, ist überflüssig. Es kann auch sein, dass wir uns bis zum Ermüden mit dem Ewig-Gestrigen abschleppen.

Ich möchte das Jesus-Wort so hören – nicht als schulter-klopfendes: Wird schon wieder, sondern als Erfahrung: Geben und Nehmen, Empfangen und Loslassen – das ist es, was wir lernen müssen. Nur auf beidem liegt Segen.

Bild von Bella H. auf Pixabay

Bleiben Sie heute behütet – auf dem Weg vom Gestern ins Morgen!
Pfarrer Heinrich Schwarz

Mittagsgebet

Gott, so oft begreifen wir dich nicht.
Um uns das Leid, in uns der Zweifel.
Lass uns daran genügen, dass du uns begreifst und festhältst.
Was uns bewegt, bringen wir vor dich:
Die kleinen und die großen Sorgen des täglichen Lebens, die Unzulänglichkeiten dieser Welt.
Wir hoffen, dass du uns weiterführst, wo wir am Ende sind,
dass du ermutigst, wo wir aufgeben möchten,
dass du uns Antworten zeigst, wo wir schon gar nicht mehr fragen.

Amen.

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