Aktuelles

Schnee

22. Januar 2021 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

Ich liebe es, wenn es schneit. Mein Heimatort im nordhessischen Bergland wird ein- bis zweimal im Jahr von einer dichten Schneedecke überzogen. Durch Millionen und Milliarden kleiner Schneeflocken, die vom Himmel herabtanzen, wird die Welt vor meinen Augen verwandelt. Alles sieht so rein und sauber, so ordentlich und aufgeräumt aus.

„Rings herum, wie ich mich dreh‘,
nichts als Schnee und lauter Schnee.
Wald und Wiesen, Hof und Hecken,
alles steckt in weißen Decken.
Und im Garten jeder Baum,
jedes Bäumchen voller Flaum!
Auf dem Sims, dem Blumenbrett
liegt er wie ein Federbett.
Auf den Dächern um und um
nichts als Baumwoll‘ rings herum.“

So beschreibt der Dichter Friedrich Güll im 19. Jahrhundert den Zauber des Schnees.

Und noch etwas geschieht, wenn es schneit: Der Schnee verschluckt alle Geräusche. Die Welt wird still.

Am Ende eines Skitages in den Berner Alpen genieße ich es manchmal, zusammen mit einem Freund auf der Bergspitze im Schnee zu sitzen und abzuwarten, bis alle Lifte stillstehen. Diese letzte halbe Stunde, bevor die Sonne hinter der Bergkette verschwindet, ist eine besonders intensive Zeit. Die Lifte haben angehalten. Die Motoren der Pistenraupen und Skibobs sind verstummt. Die Welt um mich herum scheint still zu stehen. Keiner von uns spricht ein Wort. Ich wage kaum zu atmen, so still ist es auf einmal. Und allmählich fange ich an zu lauschen… Zu lauschen, ob ich nicht doch irgendein Geräusch hören kann. Den Schrei eines Vogels in der Ferne. Die Geräusche eines Helikopters aus dem Nachbartal. Irgendein Geräusch. Aber nichts. Kein einziger Mucks ist zu hören. Nach einigen Minuten lasse ich den Schnee unter meinen Skischuhen knirschen, nur um sicher zu gehen, dass es nicht an mir liegt, dass ich nichts höre. Dass ich noch die Fähigkeit habe, hören zu können, wenn es etwas zu hören gibt.

„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (Lukas 8,8), fordert Jesus seine Jünger auf. Leichter gesagt als getan, möchten wir heute mit den Erkenntnissen der Neurowissenschaft und der modernen Lernpsychologie sagen. Denn inzwischen haben Wissenschaftler herausgefunden, dass wir nur etwa 20% aller Informationen über unser Gehör aufnehmen. Der auditive Lernkanal ist bei den meisten von uns also gar nicht besonders stark ausgeprägt. Weit mehr Informationen nehmen wir durch Sehen oder durch Sehen, Hören und Tun auf. Mein Bibelkunde-Lehrer sprach gerne von der biblischen HUT-Methode: Es geht um‘s Hören und Tun.

Als ich mich auf meine Ordination als Pfarrerin vorbereitet habe, wurde mir ein Satz aus unserem Ordinationsversprechen besonders wichtig. Er steht gleich zu Beginn, im ersten Absatz und beschreibt den Dienst einer Pfarrerin und eines Pfarrers so: „Unser Dienst besteht darin, zu hören und zu beten“ – und dann folgen all die Tätigkeiten, die sich in Statistiken erfassen und messen lassen: Predigt und Sakramentsverwaltung, Gottesdienste, Seelsorge und Unterricht, Diakonie, Mission und Ökumene. Aber, zu Beginn allen Dienstes steht das Hören und Beten.

„Wer Ohren hat zu hören, der höre“, Jesus meint hier also mehr als nur, ein akustisches Signal zu empfangen. Hören in Jesu Sinne beginnt da, wo wir damit rechnen, dass Gott mit uns reden möchte. Uns etwas zu sagen hat – und zwar etwas, das uns helfen und verändern wird, uns heilen und in eine Aufgabe rufen wird. Das freilich geht nur, wenn wir auch hören wollen, was Gott uns sagen möchte.

„Samuel, Samuel“, ruft Gottes Stimme den zukünftigen Propheten Israels. Samuels Antwort wurde seither zur Antwort vieler Menschen, die Gottes Stimme in ihrem Leben hören wollten. Samuel antwortet: „Rede, denn dein Knecht hört!“ (1 Samuel 3,10). Um Gottes Wort zu hören, braucht es ein „aufrichtiges und bereitwilliges Herz“ (Lukas 8,15, Neue Genfer Bibel). Es braucht das offene Herz einer Maria, von der es bei Lukas heißt: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ Es braucht das tatkräftige Herz eines Josef, von dem Matthäus erzählt: „Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich“ (Matthäus 1,24) Es braucht das veränderungsfähige Herz eines Paulus, der sich durch Jesu Stimme von seinem Weg und seinen Plänen abbringen lässt und es zulässt, in der Tiefe seines Herzens erneuert zu werden – aus Saulus wird Paulus, aus dem Christenverfolger einer, der Jesus bezeugen und einmal als Zeuge sein Leben für Jesus lassen wird. Um Gottes Wort zu hören, braucht es ein „aufrichtiges und bereitwilliges Herz“ (Lukas 8,15, Neue Genfer Bibel).

Ich wünsche uns zu Beginn dieses Jahres
wieder neu ein hörendes Herz!
Ihre Pfarrerin
Katharina Bärenfänger

Mittagsgebet

Du weckst mich alle Morgen,
du weckst mir selbst das Ohr.
Du hältst dich nicht verborgen,
führst mir den Tag empor,
dass ich mit deinem Worte
begrüß das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte
bist du mir nah und sprichst.

Du sprichst wie an dem Tage,
da du die Welt erschufst.
Da schweigen Angst und Klage;
nichts gilt mehr als dein Ruf.
Das Wort der ewgen Treue,
die du uns Menschen schwörst,
erfahre ich aufs neue
so, wie ein Jünger hört.

Du willst mich früh umhüllen
mit deinem Wort und Licht,
verheißen und erfüllen,
damit mir nichts gebricht;
willst vollen Lohn mir zahlen,
fragst nicht, ob ich versag.
Dein Wort will helle strahlen,
wie dunkel auch der Tag.

(Gebet nach Nr. 452 im Evangelischen Gesangbuch „Er weckt mich alle Morgen“)

Wasser zu Wein

15. Januar 2021 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

Eltern können voll peinlich sein. Besonders wenn sie cool sein wollen. Oder mit ihren Kindern angeben. Da waren Jesus und seine Freunde auf eine Hochzeit eingeladen. Seine Mutter auch. Dem Hochzeitspaar geht der Wein aus. Die Gäste sitzen auf dem Trockenen. Wirklich blöd. Aber eigentlich nicht Jesus Problem. Doch seine Mutter stupst ihn an: „Sie haben keinen Wein mehr!“ – sprich: Mach was dagegen! Nur gut, dass Jesus da keine 14 mehr ist. Aber gefallen hat es ihm nicht, dass seine Mutter so mit ihm angibt. „Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Auf gut Deutsch: Lass mich in Ruhe, Mutter! Aber wie brave Söhne so sind. Er tut ihr den Gefallen. Und außerdem wär’s ja wirklich schade um die Stimmung, wenn es nichts mehr zu trinken gäbe.

Ein kleiner Familienkonflikt auf einer Party. Der Sohn gibt nach und zeigt widerwillig, was in ihm steckt. Eine Alltagsgeschichte, doch mit einem starken Ende: Wasser wird zu Wein. Ja, die Geschichte beeindruckt. Wenn Sie irgendwelche Leute auf der Straße nach den Wundern Jesu fragen, dann kann ich Ihnen fast garantieren, dass dieses Wunder auf der Hochzeit zu Kana zuerst genannt wird. Jesus hat Wasser in Wein verwandelt. Und er ist über’s Wasser gelaufen. Das sind die Wunder, die sich tief ins kollektive Gedächtnis eingeprägt haben, wenn es um Jesus geht.

Ich weiß nicht, warum gerade diese Wunder so bekannt sind – vielleicht, weil man sie vom Gottessohn am Wenigsten erwarten würde. Nicht mit der Heilung von Kranken oder der Auferweckung von Toten beginnt im 2. Kapitel des Johannesevangeliums das öffentliche Wirken Jesu, sondern mit diesem Wein-Wunder. Vielleicht steckt hinter der Geschichte doch mehr als ein kleiner Familienkonflikt mit feucht-fröhlichem Ausgang.

Wein ist etwas für Friedens- und Freudenzeiten. Weinstöcke brauchen intensive Pflege. In Kriegs- und Notzeiten ist Weinbau schwer möglich. Brot ist das Grundnahrungsmittel und Wein das Festgetränk. Bei Wasser und Brot sitzt man sprichwörtlich im Gefängnis ein. Um fröhlich zu feiern, braucht es den Wein. Ein starker Auftakt: Mit Jesus wird das Leben zum Fest.

Und noch etwas: Für sein Wein-Wunder lässt Jesus die Reinigungskrüge mit Wasser füllen – sicher nicht nur, weil sie als große Gefäße so praktisch waren. Das Wasser in diesen Tonkrügen wurde nicht einfach zur Körperpflege verwendet, sondern zur rituellen Reinigung, zur Abwaschung von Sünden. Jesus befreit. Von Krankheit, von Sünde und Tod. Das ist von Anfang an die Botschaft des Evangeliums.

Jesus kommt genau zu denen, die nichts zu lachen haben. Aber das ist kein Argument gegen das Lachen. Und dass er den Armen hilft, ist kein Plädoyer für die Armut. Mit Jesus feiern wir das Fest des Lebens. Gerade weil wir um die Grenze dieses Lebens wissen. Um Leid und Tod. Um Ungerechtigkeit und Gewalt. Um Krieg und Terror. Mit Jesus bricht sich eine neue Qualität des Lebens Bahn. Das gilt es zu feiern.

Wenn wir jetzt in unseren Corona-Einschränkungen zuhause sitzen und uns so gar nicht zum Feiern zumute ist, macht mir diese Geschichte Mut. Es gibt auch in der Krise überraschende Wendungen zum Leben und zur Zuversicht. Klar, wir sind nicht Jesus. Wir vollbringen keine großen Wunder. Aber mit etwas Fantasie und Kreativität schaffen wir auch im Lockdown kleine Wunder der Lebensfreude und lassen die nicht allein, die besonders von dieser Krise getroffen sind. Manchmal brauchen wir nur jemand, der uns anstupst – es muss auch gar nicht die Mutter sein!

Bleiben Sie behütet und zuversichtlich!
Ihr Pfarrer Heinrich Schwarz

Diese Andacht können Sie auch hier anhören.

Mittagsgebet

Unser Leben sei ein Fest, / Jesu Geist in unserer Mitte, / Jesu Werk in unseren Händen. / Jesu Geist in unseren Werken. / Unser Leben sei ein Fest / an diesem Morgen (Abend) und jeden Tag.

Unser Leben sei ein Fest, / Brot und Wein für unsere Freiheit. / Jesu Wort für unsere Wege, / Jesu Weg für unser Leben. / Unser Leben sei ein Fest / an diesem Morgen (Abend) und jeden Tag.

(Evangelisches Gesangbuch Nr. 555)

Gedanken zum neuen Jahr

9. Januar 2021 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

Traditionell endet die Zeit des Wartens, die sogenannte Adventszeit, am Heiligen Abend vor der Christvesper und der anschließenden Bescherung. Oft haben wir sonst nach Vergleichen gesucht, was denn „Warten“ eigentlich bedeutet:

Warten… Wie Kinder gespannt auf die Bescherung warten.

Warten… Wie die Landwirtin nach der Aussaat auf das Wachsen und Gedeihen der Saat wartet – und doch den Wachstumsprozess nicht beschleunigen kann.

In diesem Jahr müssen wir gar nicht nach Vergleichen suchen, was „warten“ denn bedeutet. Dieses Jahr befinden wir uns auch nach der Bescherung an Heiligabend noch im Warte-Modus. Wir sind Wartende – und das schon seit fast 9 Monaten und nicht erst seit Beginn der Adventszeit.

Auf was warten wir?

Wir warten

…auf die Herstellung und gerechte Verteilung eines Impfstoffes

…auf das wiedergewonnene Gefühl von Sicherheit.

…auf eine Rückkehr unserer Bewegungs-, Besuchs- und Reisefreiheit.

…auf ein Ende der Hiobsbotschaften aus den europäischen Nachbarländern und aus unserem eigenen Gesundheitssystem

Wie wird dieses Jahr 2020 also in die Geschichtsbücher eingehen?

Als ein Jahr hoher Infektions- und Todeszahlen im Zusammenhang mit Covid-19? Ein Jahr der Beschränkungen und Entbehrungen. Der Verordnungen und Allgemeinverfügungen.

Als ein Jahr fremdenfeindlicher Übergriffe? – „Black lives matter“.

Als ein Jahr der Querdenker und Straßenprotestler? Der wirtschaftlichen Zusammenbrüche. Der abgeriegelten Seniorenheime und überfüllten Gemeinschaftsunterkünfte. Als ein Jahr häuslicher Gewalt und zunehmender Chancenungleichheit für Unterprivilegierte im Bildungsbereich.

Ja, es stimmt, auf die Verteilung eines Impfstoffes an alle, die auf eine schützende Impfung hoffen, warten wir noch. Aber für vieles andere, was nicht zuletzt auch durch die Covid-19-Pandemie neu ans Licht der Öffentlichkeit und in unser Bewusstsein gerückt ist, haben wir bereits ein Mittel. Stoff für Querdenker. Ein uraltes Haus– und Heilmittel. Unerschöpflich in seiner Verfügbarkeit. Gut bekömmlich, wenn auch nicht ohne Folgen. Das Mittel ist erhältlich unter dem uralten Namen Barmherzigkeit. Und unsere Jahreslosung für 2021 formuliert das so: Jesus Christus spricht:

„Seid barmherzig,
wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6,36)

Um seinen Jüngern zu veranschaulichen, was er damit meint, erzählt Jesus Geschichten: Die Geschichte des barmherzigen Samariters (Lukas 10), die Geschichte des barmherzigen Vaters(Lukas 15).

Und konkret erklärt Jesus: „Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr auch nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben.“ (Lukas 6,37)

Barmherzigkeit ist nach dem Neuen Testament nicht eine natürliche Eigenschaft von uns, sondern eine Eigenschaft von Gott (misericordia Dei). Aus freien Stücken öffnet Gott sein Herz für unsere Not und nimmt sich unserer Sorgen an – nicht abwartend, sondern überaus aktiv.

Solche Barmherzigkeit ist eine Haltung, die uns geschenkt wird. Die uns Gott zur Verfügung stellt, um damit unser menschliches Miteinander zu gestalten — individuell und strukturell, familiär und gesellschaftlich.

Denn die Haltung der Barmherzigkeit ist kein Einzelkind — sie tritt immer zusammen mit ihrer Schwester auf, der Gerechtigkeit. Wo Barmherzigkeit als Haltung unter uns einkehrt, da wird auch Gerechtigkeit folgen. Wo wir uns übereinander erbarmen, ein herzliches Erbarmen empfinden angesichts der Nöte von Menschen in unserem Land und weltweit, da werden wir auch leidenschaftlich dafür eintreten, dass sich ihre Situation durch gerechtere Strukturen, gerechtere Arbeitsbedingungen und gerechtere Bildungschancen zum Besseren wendet.

Wenn wir mit einer neuen Haltung der Barmherzigkeit, mit einer neuen Sehnsucht nach Gerechtigkeit aus diesem Jahr in ein neues Jahr starten, dann hat sich unser Warten doch gelohnt. Dann ist Entscheidendes doch schon bei uns angekommen — eine Haltung der Barmherzigkeit, wirksam in den vielfältigen Nöten unserer Zeit.

Ein frohes und gesegnetes neues Jahr
unter Gottes Schutz und Segen wünscht Ihnen
Ihre Pfarrerin
Katharina Bärenfänger

Diese Gedanken zum neuen Jahr können Sie auch hier anhören:

Mittagsgebet

Ich will dich erheben, mein Gott, du König,
und deinen Namen loben immer und ewiglich.
Der Herr ist groß und sehr zu loben,
und seine Größe ist unausforschlich.
Kindeskinder werden deine Werke preisen
und deine gewaltigen Taten verkündigen.

Gnädig und barmherzig ist der Herr,
geduldig und von großer Güte.

Dein Reich ist ein ewiges Reich,
und deine Herrschaft währet für und für.
Der Herr ist getreu in all seinen Worten
und gnädig in allen seinen Werken.
Der Herr hält alle, die da fallen,
und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind.

Gnädig und barmherzig ist der Herr,
geduldig und von großer Güte.

Aller Augen warten auf dich,
und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.
Du tust deine Hand auf
und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen.
Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen,
allen, die ihn ernstlich anrufen.
Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren,
und hört ihr Schreien und hilft ihnen.

Gnädig und barmherzig ist der Herr,
geduldig und von großer Güte.

(Psalm 145, Evangelisches Gesangbuch Nr. 756)

„Da sie den Stern sahen …“

6. Januar 2021 by ekro Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben

„Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut.“ heißt es bei Matthäus im 2. Kapitel. Die Weisen aus dem Morgenland sind einem Stern gefolgt. Für Matthäus sind sie Vertreter der geistigen Elite der heidnischen Welt.

Bald schon im Laufe der Überlieferung werden sie zu Königen, Vertreter der Machtelite also. Verständlich, denn mit Gold, Weihrauch, Myrrhe haben sie königliche Geschenke im Gepäck. Und sie treffen auf die politische und religiöse Aristokratie Israels. Da begegnet man sich am Besten auf Augenhöhe.

Aber bei Matthäus lesen wir im griechischen Original von Magiern und können das zurecht mit Weisen oder Sterndeutern übersetzen. Wieviel, wird nicht gesagt. Im Volksglauben stand noch lange nicht fest, wie viele sie eigentlich sind. In Syrien erzählte man, es seien 12 gewesen. In Europa werden es im Mittelalter drei – schließlich eben die „Heiligen Drei Könige“.

Die Zahl 3 verweist auf die Vollkommenheit und die Menschheit als Ganze. So werden die drei Könige als Jüngling, als Mann in den besten Jahren und als Greis dargestellt; oder sie sind weiß, braun und schwarz und vertreten so die drei Erdteile der alten Welt – Europa, Asien und Afrika. Ich bin gespannt, ob die symbolische Ausgestaltung der Geschichte noch weitergeht. Es wär Zeit für Königinnen.

Sie brechen auf, ziehen los und legen einen weiten Weg zurück. Doch als sie meinen, sie seien am Ziel, geht die Suche von Neuem los. Sie fragen und hören und lassen sich nicht beirren, schlagen eine neue Richtung ein und ziehen wieder los, bis sie an völlig unerwarteter Stelle am Ziel sind. Es ist eine Lebensreise, die sich in dieser Geschichte widerspiegelt.

Das macht diese Weisen so anziehen für uns. In Ihnen können wir uns selbst erkennen. Auch wir sind in unserem Leben immer wieder auf der Suche. Wir suchen Glück und Anerkennung, Geborgenheit und Liebe. Oder in den Worten der Bibel: Wir suchen unser Heil – das, was uns heilt. Wir merken aber auch, wie schwer das ist. Dazu müssen wir uns auf den Weg machen, das Vertraute hinter uns lassen und etwas Neues wagen. Das erfordert Mut.

Die Suche ist nicht ziellos. Dafür steht der Stern. Ob dabei ein tatsächliches Phänomen am Sternenhimmel um die Zeitenwende zugrunde lag, ist unter Astronomen umstritten. Im Grunde ist es unwichtig. Entscheidend ist die symbolische Bedeutung des Sterns. Er macht deutlich, dass hinter der langen Suche die Führung Gottes steht, der dafür sorgt, dass die Suchenden nicht umsonst auf dem Weg sind. Allerdings endet sie an einer Stelle, an der die Leute aus dem Osten es zuletzt vermutet hätten.

Sie meinten am Ziel zu sein, als sie in Jerusalem waren. Ganz selbstverständlich erwarteten sie einen machtvollen König, so wie wir uns heute ganz natürlich eine starke Führungspersönlichkeit wünschen, die mit Macht eingreift und für Gerechtigkeit sorgt, die Verhältnisse der Erde verändert und die Menschen innerlich umdreht, auch wenn sie nicht wollen. Aber das ist eine Sackgasse.

Wir finden das Ziel nur, wenn wir – mit den Worten des Theologen Klaus Wolff – »wie die Weisen den König suchen und das Kind finden, den Herrn suchen und den Knecht finden, nach den Sternen greifen und den Menschen finden«.

Das aber erfordert Mut: Mut, den gewohnten Weg zu verlassen – Mut, Neuland zu betreten. Die Weisen aus dem Morgenland hatten diesen Mut. Diese Menschen aus einem fernen Land, die Gott gar nicht kannten – Heiden hat man damals gesagt – diese Fremden haben im Kind in der Krippe den Ausgangspunkt für ein neues Leben gefunden.

Diesen Mut wünsche ich uns. Der Weg zu einem gelungenen, einem heilen Leben führt uns dabei durch Hell und Dunkel, über Höhen und Tiefen. Es ist eine Reise, die auch Zweifel und Enttäuschungen mit sich bringen kann. Dennoch ist es eine Reise unter einem guten Stern, dem Stern Gottes. Denn es ist die Lebensreise von uns Menschen zu Gott.

Ich wünsche uns allen, dass wir nicht stecken bleiben, uns nicht festfahren in den Sackgassen des Lebens, sondern dass wir uns immer wieder auf den Weg machen zu einem neuen Leben. Denn das Kind in der Krippe will sich von uns finden lassen und der Stern Gottes wird uns dabei leuchten.

Ihr Pfarrer Heinrich Schwarz

Diese Gedanken zu den Heiligen Drei Königen können Sie auch hier anhören:

Warten auf Barmherzigkeit

1. Januar 2021 by ekro Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienst

Die Andacht kann auch unter der Telefonnummer 06184-55128 oder hier im Video angehört werden.

Traditionell endet die Zeit des Wartens, die sogenannte Adventszeit, am Heiligen Abend vor der Christvesper und der anschließenden Bescherung. Oft haben wir sonst nach Vergleichen gesucht, was denn „Warten“ eigentlich bedeutet:

Warten… Wie Kinder gespannt auf die Bescherung warten.

Warten… Wie die Landwirtin nach der Aussaat auf das Wachsen und Gedeihen der Saat wartet – und doch den Wachstumsprozess nicht beschleunigen kann.

In diesem Jahr müssen wir gar nicht nach Vergleichen suchen, was „warten“ denn bedeutet. Dieses Jahr befinden wir uns auch nach der Bescherung an Heiligabend noch im Warte-Modus. Wir sind Wartende – und das schon seit fast 9 Monaten und nicht erst seit Beginn der Adventszeit.

Auf was warten wir?

Wir warten
…auf die Herstellung und gerechte Verteilung eines Impfstoffes
…auf das wiedergewonnene Gefühl von Sicherheit.
…auf eine Rückkehr unserer Bewegungs-, Besuchs- und Reisefreiheit.
…auf ein Ende der Hiobsbotschaften aus den europäischen Nachbarländern und aus unserem eigenen Gesundheitssystem

Wie wird dieses Jahr 2020 also in die Geschichtsbücher eingehen?

Als ein Jahr hoher Infektions- und Todeszahlen im Zusammenhang mit Covid-19? Ein Jahr der Beschränkungen und Entbehrungen. Der Verordnungen und Allgemeinverfügungen.

Als ein Jahr fremdenfeindlicher Übergriffe? – „Black lives matter“.

Als ein Jahr der Querdenker und Straßenprotestler? Der wirtschaftlichen Zusammenbrüche. Der abgeriegelten Seniorenheime und überfüllten Gemeinschaftsunterkünfte. Als ein Jahr häuslicher Gewalt und zunehmender Chancenungleichheit für Unterprivilegierte im Bildungsbereich.

Ja, es stimmt, auf die Verteilung eines Impfstoffes an alle, die auf eine schützende Impfung hoffen, warten wir noch. Aber für vieles andere, was nicht zuletzt auch durch die Covid-19-Pandemie neu ans Licht der Öffentlichkeit und in unser Bewusstsein gerückt ist, haben wir bereits ein Mittel. Stoff für Querdenker. Ein uraltes Haus– und Heilmittel. Unerschöpflich in seiner Verfügbarkeit. Gut bekömmlich, wenn auch nicht ohne Folgen. Das Mittel ist erhältlich unter dem uralten Namen Barmherzigkeit. Und unsere Jahreslosung für 2021 formuliert das so: Jesus Christus spricht:

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6,36)

Um seinen Jüngern zu veranschaulichen, was er damit meint, erzählt Jesus Geschichten: Die Geschichte des barmherzigen Samariters (Lukas 10), die Geschichte des barmherzigen Vaters(Lukas 15).

Und konkret erklärt Jesus: „Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr auch nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben.“ (Lukas 6,37)

Barmherzigkeit ist nach dem Neuen Testament nicht eine natürliche Eigenschaft von uns, sondern eine Eigenschaft von Gott (misericordia Dei). Aus freien Stücken öffnet Gott sein Herz für unsere Not und nimmt sich unserer Sorgen an – nicht abwartend, sondern überaus aktiv.

Solche Barmherzigkeit ist eine Haltung, die uns geschenkt wird. Die uns Gott zur Verfügung stellt, um damit unser menschliches Miteinander zu gestalten — individuell und strukturell, familiär und gesellschaftlich.

Denn die Haltung der Barmherzigkeit ist kein Einzelkind — sie tritt immer zusammen mit ihrer Schwester auf, der Gerechtigkeit. Wo Barmherzigkeit als Haltung unter uns einkehrt, da wird auch Gerechtigkeit folgen. Wo wir uns übereinander erbarmen, ein herzliches Erbarmen empfinden angesichts der Nöte von Menschen in unserem Land und weltweit, da werden wir auch leidenschaftlich dafür eintreten, dass sich ihre Situation durch gerechtere Strukturen, gerechtere Arbeitsbedingungen und gerechtere Bildungschancen zum Besseren wendet.

Wenn wir mit einer neuen Haltung der Barmherzigkeit, mit einer neuen Sehnsucht nach Gerechtigkeit aus diesem Jahr in ein neues Jahr starten, dann hat sich unser Warten doch gelohnt. Dann ist Entscheidendes doch schon bei uns angekommen — eine Haltung der Barmherzigkeit, wirksam in den vielfältigen Nöten unserer Zeit.

Ein frohes und gesegnetes neues Jahr
unter Gottes Schutz und Segen wünscht Ihnen
Ihre Pfarrerin Katharina Bärenfänger

Unsere Glocken: Klang in F, As und B zur Ehre Gottes

31. Dezember 2020 by ekro Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienst

Zu Neujahr, Punkt Null Uhr, werden wieder die drei Glocken unserer Evangelischen Kirche das neue Jahr einläuten. Seit 70 Jahren erklingen sie nun.

Am 31. Dezember 1950 wurden sie mit technischer Hilfe amerikanischer Soldaten auf den Kirchturm gebracht. Sie klingen in den Tönen F, As und B und wiegen ohne Klöppel 945 kg, 550 kg und 365 kg. Ihr Gesamtgewicht beträgt also etwas über 1,8 Tonnen. Ihre unteren Durchmesser betragen 118, 98 und 87 cm.

Die drei Glocken tragen als Inschrift die drei ersten Bitten des Vaterunsers:

„Dein Name werde geheiligt“
„Dein Reich komme“
„Dein Wille geschehe“

Wir sind dankbar, für ihren Dienst über so lange Zeit. Sie läuten auch Tag für Tag und Stunde um Stunde für den Frieden in unserem Land. Ihre Vorgängerinnen wurden im vergangenen Jahrhundert im Ersten und im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmt und eingeschmolzen.

1917 wurde die große und die mittlere Glocke abgeholt. Die mittlere läutete fünf Jahre allein, bis sie verkauft wurde, um 1922 drei neue Glocken anzuschaffen. Leider waren sie von minderer Qualität, so dass sie Ende der 1920er Jahre durch bessere Glocken ersetzt wurden.

Schon am 18. April 1940 verfügte die NS-Regierung die Beschlagnahme aller Glocken. Es dauerte dann noch mehr als ein Jahr, bis sie – laut ausdrücklichem Befehl – ohne Abschiedsfeier abgeholt wurden.

Nur die kleine Glocke aus der ehemaligen lutherischen Kapelle in der heutigen Kirchstraße 4, das „Vaterunser-Glöckchen“, durfte weiter läuten. Heute hängt diese kleine Glocke, die 1736 in Frankfurt gegossen wurde, in unserer Turmstube und kann bei Kirchturmführungen auch mal von Hand geläutet werden.

„Läuten ist eine Kunst“

schrieb Pfarrer Friedrich W. Schlott 1950 zur Einweihung des neuen Geläuts in seinem „Glockengruß“. „Unsere Vorfahren überließen es nicht den Buben, sondern hatten für diesen Dienst sorgfältig angelernte ‚Glöckner‘. Diese verstanden sich auf ihre Kunst gar meisterhaft und wußten ihren Glocken viele besondere ‚Zeichen‘ und ‚Schläge‘ zu entlocken, die in der Gemeinde wohl verstanden wurden.“ Ihr Dienst regelte sich nach einer besonderen Läuteordnung. So regelt auch eine ausführliche Läuteordnung den Glockenschlag unserer Kirche:

An Werktagen (außer samstags) läutet die kleine Glocke morgens um viertel vor acht und mittags um elf Uhr. Zum Abendgebet ruft dann um sechs Uhr abends die mittlere Glocke. Neu hinzugekommen ist seit März das Mittagsläuten um 12 Uhr für alle Menschen in Angst und Sorge. Dazu veröffentlichen wir auch ein wechselndes Mittagsgebet in den Kirchlichen Nachrichten des Rodenbachkuriers und hier auf unserer Homepage.

Mit dem vollen Geläut aller drei Glocken wird samstagabends um sechs Uhr der Sonntag eingeläutet, am Sonntag um zehn Uhr zum Gottesdienst eingeladen und der Sonntag dann abends um sechs Uhr wieder ausgeläutet. Zu Trauungen läuten die mittlere und die hohe Glocke, bei Beerdigungen die mittlere und die tiefe Glocke. So wird schon aus dem Klang der Glocke der Anlass deutlich, zu dem sie ruft.

Jesus Christus – Mensch und Gott auf Erden

27. Dezember 2020 by ekro Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienst, Heiligabend

Die Predigt von Pfarrer Dr. Michael Ebesohn über Hebräer 1,14 ist auch am Telefon unter 06184-55128 oder direkt hier zu hören.

Liebe Gemeinde!

Sie kennen das: Jedes Ding hat zwei Seiten – jedenfalls die meisten. Aber bei Weihnachten ist das so. Da wird viel erzählt von dem kleinen Kind in der Krippe, von Maria und Josef, von Ochs und Esel, von Hirten auf dem Feld und Wirten in den Herbergen. Da gibt es den Statthalter Quirinius und Engel, die Gott loben. Das ist die Weihnachtsgeschichte, wie wir sie vom Evangelisten Lukas kennen und wie sie uns auch vertraut ist. Hinter ihr stecken aber klare theologische Aussagen: Wenn gerade die Hirten, die am Ende der sozialen Skala stehen, zuerst zu Jesus kommen, dann ist Jesus der Heiland vor allem für sie, für die kleinen Leute. Er ergreift Partei für die Armen und Bedrückten, für die Notleidenden und Ausgestoßenen. Deshalb reden wir in der Adventsund Weihnachtszeit vom Frieden auf Erden und von Barmherzigkeit. Seinen tätigen Ausdruck findet das in der Sammlung für »Brot für die Welt« oder vergleichbaren Aktionen.

Es gibt aber eine andere Seite, die sich schon in der zweiten ganz bekannten Weihnachtsgeschichte zeigt, der von den drei Weisen aus dem Morgenland. Das sind nämlich keine Armen und Ausgestoßenen, sondern Botschafter fremder Völker, Diplomaten, Unterhändler, bedeutend und reich. Sie bringen wertvolle Geschenke mit und huldigen dem Jesuskind als neu geborenem König – sodass der eigentliche König, Herodes, um seine Macht fürchtet und in Bethlehem alle männlichen Säuglinge umbringen lässt. Diese Geschichte vom neu geborenen König hat uns Matthäus überliefert, der wiederum von Hirten und dem armseligen Stall nichts weiß.

Jesus scheint also beides zu sein, Heiland der Armen, aber auch König und damit mächtig und würdevoll. Das haben schon diejenigen gemerkt, die die Geschichten von Jesus damals aufgeschrieben haben. Je nachdem, was ihnen wichtiger war, haben sie anders von Jesus erzählt.

Noch überspitzter und für unsere Ohren schon fast abgehoben klingt diese andere Seite Jesu in dem kleinen Text, um den es in der heutigen Weihnachtspredigt geht. Er steht ganz zu Anfang des Briefes an die Hebräer und lautet:

Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott früher zu den Vätern geredet durch die Propheten, am Ende dieser Tage aber hat er zu uns geredet durch den Sohn, den er als Erben über alles eingesetzt hat, durch den er auch die Welt erschaffen hat; der hat sich, da er Abglanz von Gottes Herrlichkeit und Abdruck seines Wesens ist und alles in dem Wort seiner Macht trägt, zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt, nachdem er die Reinigung von den Sünden bewirkt hat, und ist erhabener geworden als die Engel, wie auch der Name, den er ererbt hat, vorzüglicher ist als deren Name.

Amen.

Das ist zweifellos nicht auf Anhieb zu verstehen. Denn obwohl es natürlich um Jesus Christus geht, spricht der Abschnitt in erster Linie über Gott, den Vater. Er hat zu den Menschen geredet, hat Kontakt zu uns aufgenommen. Früher, zu den Zeiten des Alten Testaments, tat er das durch die Propheten. Immer wieder neue mussten auftreten, weil die Menschen ihnen nicht glaubten. Jetzt aber hat Gott durch seinen Sohn zu uns geredet. Ihm hat er ungleich mehr Macht und Glanz verliehen, hat ihn regelrecht mit sich selbst auf eine Stufe gestellt. Durch ihn sind die Menschen von der Sünde gereinigt – jedenfalls die, die an ihn glauben. Ihnen wird also das, was sie falsch machen im Leben, nicht angerechnet. Ihnen wird vergeben, weil Jesus Christus stellvertretend für uns Menschen gestorben ist – und in der Auferstehung den Tod sogar hinter sich gelassen hat. Damit sind alle Propheten überholt. Und auch aller Engelglaube ist hinfällig. Engel sind nicht mehr nötig; wir brauchen keine Vermittler mehr.

Diese wenigen Sätze umreißen, worum es im ganzen Hebräerbrief geht. Sie stehen an seinem Anfang wie ein Programm. Was dann folgt, ist eher ein theologisches Lehrschreiben und kein persönlicher Brief, geschrieben an Gemeinden aus der Frühzeit des Christentums, wo man müde geworden war und zu zweifeln begonnen hatte. Hat denn Gott, der an Weihnachten zu den Menschen kam, auch wirklich die Macht, sie zu erlösen? Man hatte nicht viel davon gemerkt, und von einer Wiederkunft Jesu Christi, die er angekündigt hatte, war erst recht nichts zu sehen. Man wartete vergeblich darauf, dass diese Welt vergeht und alles ganz, ganz anders wird, dass eben das Reich Gottes auf Erden anbricht. Gegen diese Frustration muss der Verfasser des Hebräerbriefes die göttliche Macht Jesu Christi betonen, seine Würde als Sohn und als neuer Hohepriester. Die Geschichte vom kleinen Kind in der Krippe, das gekommen ist, die Welt zu erlösen, reichte nicht mehr aus, um die Gemüter zu beruhigen. Es geht im Brief an die Hebräer um den göttlichen Anteil Jesu, um die andere Seite der einen Medaille sozusagen.

Den Vätern der Alten Kirche war klar, dass es diese beiden Seiten in Jesus Christus gibt. Sie haben in langen Diskussionen, manchmal in Auseinandersetzung und heftigem Streit darum gerungen, wie man es in Worte fassen kann, dass Jesus sowohl Heiland der Armen als auch der neue König unter den Herrschenden ist, und zwar gleichzeitig! Sie haben die Formel geprägt: Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Er hat zwei Naturen in einer Person. Er ist gleichzeitig völlig menschlich, mit allem, was dazugehört: Hunger und Durst, Angst und Ärger, Leid, Schmerzen und Tod. Es gibt zahlreiche Geschichten, in denen Jesus ganz menschlich erscheint, in denen er Angst hat, sich ärgert oder einfach nur seine Ruhe haben will. In letzter Konsequenz wird die Menschlichkeit Jesu am Karfreitag deutlich, in seinem Sterben am Kreuz.

Jesus ist aber gleichzeitig ganz und vollständig Gott, der auf Erden so lebt, wie wir als Menschen eigentlich leben sollten, wie wir von Gott bestimmt sind. Er ist Gott, der die Verhältnisse derart umkrempeln kann, dass nichts mehr bleibt, wie es war. Er hat Menschen geheilt, die unheilbar waren, hat Blinde sehend und Lahme gehend gemacht. Er hat unzähligen Menschen neue Hoffnung gegeben und hat sogar den Tod überwunden – in seiner Auferstehung an Ostern.

Erst beide Teile, beide Naturen zusammen machen deutlich, wer Jesus Christus wirklich war und ist. In einfachen Worten ausgedrückt: Wenn Jesus nicht vollständig Mensch gewesen wäre, wüsste er nicht, wie es uns geht und was zu unserer Erlösung nötig ist. Wenn er nicht vollständig Gott wäre, hätte er überhaupt nicht die Macht, uns zu erlösen. Dann wäre er nur einer von vielen Scharlatanen gewesen, die damals auftraten, viel versprachen und kaum etwas hielten. Und er wäre wahrscheinlich schon lange vergessen.

Da wir Menschen diese Zweigleisigkeit, diese zwei Naturen, nur schwer verstehen können, müssen wir uns immer wieder von einer der beiden Seiten nähern. Wir schauen einmal auf seine menschliche und einmal auf seine göttliche Seite. Und so finden wir auch in der Bibel einmal die Geschichte vom armseligen Stall in Bethlehem und lesen an anderer Stelle von der göttlichen Macht, mit der er auf Erden auftritt.

An Weihnachten sind wir es gewohnt, vom kleinen Kind in der Krippe zu erzählen. Wir betonen damit die menschliche Seite Jesu. Das ist auch gut und richtig, weil uns Gott damit nahe kommt, zu uns in unsere Häuser und in unser Leben, auch heute noch. Wir brauchen diese Nähe, weil sie Frieden in unsere Beziehungen und Wärme in unser Herz bringt. Und doch dürfen wir nie vergessen, dass wir es in dem kleinen Kind auch mit Gott selbst zu tun haben. Weihnachten ist nicht einfach nur ein besinnliches Familienfest, an Weihnachten hat Gott in den Lauf der Welt eingegriffen, hat zu uns geredet. Skeptiker werden sagen, dass sich das nicht beweisen lässt, dass das vor allem keine Konsequenzen gehabt hat. Denn für das äußere Leben der Menschen habe sich nichts geändert. Das war auch der Grund, warum so viele Gemeinden der frühen Jahre in Erklärungsnöte kamen und an dem neuen Glauben zu zweifeln begannen. Aber die christliche Botschaft ist komplizierter, als dass sie nur die Verbesserung der sozialen Lage bringt. Sie verändert die Herzen, sie verändert damit die Menschen und sie verändert die Welt. Denn wenn Gott in die Welt eingreift, dann tut er es mit Macht und in einem Umfang, den wir Menschen nur ganz allmählich begreifen – jedes Jahr an Weihnachten aber ein kleines Stückchen mehr.

Amen.

Diese Predigt zu Weihnachten können Sie auch hier anhören:

Familienkirche im Weihnachtsvideo

19. Dezember 2020 by ekro Posted in: Aktuelles, Familie & Jugend, Familienkirche, Glaube & Leben, Gottesdienste

Wir hätten so gerne mit euch am 4. Advent, 20. Dezember 2020, Familienkirche in unserer Kirche gefeiert. Aber im Corona-Lockdown ist es besser, wir bleiben zuhause. Deshalb feiern Bille und Fridulin mit Lisa & Jasmina in einem Video mit euch Familienkirche.

Wir wünschen allen Kindern mit ihren Familien ein frohes Weihnachtsfest und ein gesundes, gesegnetes neues Jahr 2021. Hoffentlich können wir am 21. Februar 2021 wieder mit euch allen Familienkirche in unserer Evangelischen Kirche feiern.
Bleibt behütet!
Eure Kirchenmaus Bille mit Fridulin,
dem ganzen Team der Familienkirche
& Pfarrerin Lisa Henningsen

Corona-Lockdown – zuhause Andacht halten

19. Dezember 2020 by ekro Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienst, Heiligabend, Kirchenvorstand

Bis mindestens 10. Januar 2021 feiern wir in unserer Evangelischen Kirche keine Gottesdienste vor Ort. Wir wollen damit unseren Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten. Nach menschlichem Ermessen tun wir alles, um Infektionen in unseren Gottesdiensten zu vermeiden und haben auch im Sommer und Herbst die strengen Hygieneregeln durchgehalten, obgleich Lockerungen möglich gewesen wären. Soweit wir wissen, kam es bisher zu keiner Ansteckung im Zusammenhang mit einem unserer Gottesdienste. Dennoch bleibt bei dieser hohen Zahl von infizierten Menschen ein Restrisiko, das wir nicht verantworten können.

Wir feiern Weihnachten, ja! Aber ganz anders. Das Aussetzen der Gottesdienste in unserer Kirche ist ein Zeichen des Zusammenhalts. Es kommt jetzt nicht darauf an, was wir offiziell dürfen. Wir müssen unsere Kontakte vorneweg die nächsten vier Wochen radikal beschneiden, damit das Leiden und Sterben nicht mehr so weitergeht. Wenn wir alle miteinander unsere persönlichen Begegnungen für die kommenden Wochen auf ein Mindestmaß beschränken, retten wir Leben. Deshalb ist es wichtig, dass wir auch an Weihnachten und an Silvester zuhause bleiben und acht aufeinander haben.

Unsere Ideen und Anregungen, wie Sie zuhause Weihnachten feiern können, finden Sie auf unserer Seite „Heiligabend“.

Gerade in allen Einschränkungen wünschen wir Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gesundes neues Jahr 2021.
Bleiben Sie behütet!

Ihr Kirchenvorstand der Evangelischen Kirchengemeinde Rodenbach

Freuet euch in dem Herrn allewege

18. Dezember 2020 by Pia Härtel Posted in: Aktuelles, Glaube & Leben, Gottesdienste

„Soweit nichts anderes verordnet, nehmen Erwachsene 3-mal täglich 1 Tablette“, lese ich in der Packungsbeilage. Das mag helfen, um körperlich gesund zu werden. Um seelisch gesund zu bleiben, gibt Paulus den Menschen in Philippi ein uraltes Haus- und Heilmittel weiter und schreibt: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! (…) Der Herr ist nahe!“ Und weiter schreibt er: „Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!“

Freude, bittendes Gebet und Dankbarkeit empfiehlt Paulus seinen Mitmenschen – und diese drei Dinge jeden Tag durchaus hoch dosiert. Also: unablässig, immerzu und in jeder Lebenslage.

Aber, wer von uns ist schon immer fröhlich? Wer ständig am Beten? Und wer für alles dankbar? Gerade in dieser Advents- und Weihnachtszeit. Unsere Weihnachtsmärkte mit ihren bunten Lichtern, ihren fröhlichen Liedern und Kinderkarussells, dem Geruch von gebrannten Mandeln und Glühwein bleiben dieses Jahr geschlossen. Weihnachtskonzerte wurden abgesagt. Das Weihnachtsoratorium von Bach wird allenfalls digital erklingen. Viele von uns erleben Beeinträchtigungen – beruflich, schulisch, familiär, sozial und gesundheitlich. Vielleicht ist diese Advents- und Weihnachtszeit einfach nicht die richtige Zeit für einen Vers wie „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!“ Oder gerade?

Was Paulus meint, ist wohl: Konzentriert euch immer wieder auf Gottes Heil! Auf seine brennende Liebe, die er uns gezeigt hat, als er in Jesus zur Welt kam. Mitten hinein in unsere Welt, mitten hinein in unser Leben mit all seinen Schwankungen, Verordnungen und Unsicherheiten. Eine Notunterkunft, eine Volkszählung, eine Flucht als Kernfamilie ins Ausland und später ein ungerechter Prozess mit Todesurteil – all das gehört zu Gottes Lebensgeschichte in dieser Welt. Nicht durch Zufall, sondern weil Gott mit uns sein will. In allem, was uns beschäftigt und unser Leben bestimmt. Koste es ihn, was es wolle. Koste es ihn seine Herrlichkeit, ja sogar sein Leben. So sehr liebt uns Gott. So sehr liebt Gott mich.

Wenn ich glaube, dass Gott für mich in diese Welt gekommen ist. Wenn ich darauf vertraue, dass er mir als Heilbringer auch meine schwerste Schuld vergibt und mein Leben in sein heilendes Licht stellt, dann kann ich nicht anders: Ich jubele vor Freude. Und stimme ein in die Worte der Engel auf den Feldern von Bethlehem und sage anderen weiter: Fürchtet euch nicht! Ich verkündige euch große Freude (…), denn euch ist heute der Heiland geboren.

Wenn ich bemerke, wie Gott mich Tag für Tag in allen Widrigkeiten meines Lebens versorgt, mich sieht, mich versteht und mir gibt, was ich zum Leben brauche, dann kann ich nicht anders: Ich muss ihm einfach von Herzen „Danke!“ sagen.

Wenn ich mit Gott rede und erlebe, wie er mir zuhört, mich tröstet und mir sogar durch sein Wort in der Bibel antwortet, dann kann ich nicht anders: Ich werde immer wieder mit ihm reden. Immerzu. Unablässig. Und in jeder Lebenslage.

Wie förderlich für unsere seelische und körperliche Gesundheit echte Freude ist, wissen wir nicht erst seit Eckhart von Hirschhausen Devise „Lach dich gesund“. Schon Paulus wusste, wie kostbar und wohltuend Freude ist. Und er hat uns gleich einen Hinweis dazu gegeben, wo wir dieses kostbare Heilmittel finden. „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!“ Es ist wohl doch ein Vers für diese Advents- und Weihnachtszeit. Gerade für diese.

Ihre Pfarrerin
Katharina Bärenfänger

Mittagsgebet

O komm, o komm, du Morgenstern,
lass uns dich schauen, unsern Herrn.
Vertreib das Dunkel unsrer Nacht
durch deines klaren Lichtes Pracht.
Freut euch, freut euch, der Herr ist nah.
Freut euch und singt Halleluja.

O komm, du Sohn aus Davids Stamm,
du Friedensbringer, Osterlamm.
Von Schuld und Knechtschaft mach uns frei
und von des Bösen Tyrannei.
Freut euch, freut euch, der Herr ist nah.
Freut euch und singt Halleluja.

O komm, o Herr, bleib bis ans End,
bis dass uns nichts mehr von dir trennt,
bis dich, wie es dein Wort verheißt,
der Freien Lied ohn Ende preist.
Freut euch, freut euch, der Herr ist nah.
Freut euch und singt Halleluja.

Amen

(Evangelisches Gesangbuch Nr. 19)